Die Gottesfrage

(Vorbemerkung 1: Solange es mir noch möglich ist, durch dieses «Hintertürchen» weiter zu bloggen, nutze ich die Gelegenheit. Walter Ludin hat das Technische nie selber gemacht, darum kommt er nicht mehr hinein. Und wir wundern uns beide weiter, über die Art des Vorgehens, über die damit verbundene Argumentation, aber auch über dieses eigenartige Laissez-Faire.)

(Vorbemerkung 2: Ich habe nicht nur Walter in Schwyz besucht, sondern auch meinen alten Lehrer Dietrich Wiederkehr. Nun ist er 93, körperlich nicht mehr gewaltig fit, aber geistig immer noch präsent. Ein Gespräch mit ihm ist ein wahrer Jungbrunnen, so eigenartig das auch klingt. Darum das heutige Thema, er las bei uns Erstjahres-Studenten/innen Fundamentaltheologie.)

Was kann und soll ein seriöser Theologe, eine seriöse Theologin, über Gott sagen, exakter über die Frage, ob, wie und wo er existiert? Wir sprechen hier nicht als und über fromme Menschen, die sind von Gott direkt betroffen, haben ihre Erfahrungen mit ihm persönlich gemacht. Das ist zu respektieren und auch nicht zu hinterfragen. Wir sprechen hier auch nicht als und über Gottesleugner, offiziell Atheisten genannt. Die haben ihre gelegentlich guten und gelegentlich einfach persönlichen Gründe, die Existenz von etwas Göttlichem, einer Gottheit, auch im monotheistischen Sinne, zu leugnen. Auch das ist zu respektieren, gelegentlich kann man auch diskutieren.

Wir sprechen hier als Theologen/innen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, die durch die Philosophiegeschichte gewandert sind, die von Plato, von Thomas von Aquin, von Immanuel Kant und von Ludwig Wittgenstein (diese Liste ist rein zufällig und beansprucht keine Allgemeingültigkeit) gelernt haben, wie schwierig es ist, die Gottesfrage zu thematisieren. Natürlich haben wir auch bei Friedrich Nietzsche und Karl Marx hineingehört, doch da stellte sich oft die Frage, ob sie überhaupt seriös an die Frage herangegangen sind.

Am Anfang jeder seriösen Aussage steht für mich Immanuel Kant. Ob es etwas Göttliches/eine Gottheit/Gott wirklich gibt und ob dies bewiesen werden kann, das lässt er in der Schwebe. Jeder Beweis, so lehrt er uns, kann auch zum negativen Beweis umformuliert werden, denn er stellt sonst in Abrede, dass es auch den Zufall gibt. Doch ratlos lässt Kant uns nicht zurück, als guter preussisch-evangelischer Christ formuliert er nach langem Nachsinnen, dass es für Mensch und Menschheit richtig ist, an etwas Göttliches/eine Gottheit/Gott zu glauben, weil dieser Glaube das (evolutionär gewachsene) Raubtier Mensch zum ethisch verantwortlich handelnden homo sapiens macht.

(Darum übrigens wütete Friedrich Nietzsche so über den Gott des Christentums. Und darum sah die nationalsozialistische Ideologe im Christentum den ultimativ letzten Gegner.)

Das führt uns zur Conclusio. Der seriöse Theologe, die seriöse Theologin, muss Agnostiker/in bleiben. Er hat seine Heimat in seinem Kinderglauben und in seiner Form der Religionsausübung. Das gibt Halt und Sicherheit, das lässt im Sinne Kants hoffen. Der christliche Theologe, die christliche Theologin, sieht zudem klar, dass der Gott, von dem der Wanderprediger Jesus aus Nazareth gesprochen hat, ein Gott ist, der diese Hoffnung begründet und mit Inhalten füllt. Aber Agnostiker, Agnostikerin, müssen wir bleiben. Ich habe es da mit meinem Lehrer Dietrich, der uns Anfängern/innen 1975 sagte: Wir werden Ihren Glauben wie einen Kapuzinerstrick zerlegen und das schädlich-faule entfernen. Und wenn dann genügend bleibt, dann hat er Bestand. Wie wahr!

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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