Persönlich sollte dieser Artikel sein, wünscht die Redaktion; frisch, froh und frech. Er wird nicht grosse Theorien enthalten, sondern anekdotisch und aphoristisch sein. Und auch «locker vom Hocker» geschrieben.
Wie alt werde ich wohl, fragen sich wohl die meisten in stillen Stunden. Dabei können wir gewaltig danebentreffen. Dazu ein Aphorismus, der leider nicht von mir ist: «Wir können fast alles berechnen – nur nicht die Zeit, die uns bleibt.» (Michael Scherr).
Meine frühen Zukunftserwartungen jedenfalls waren völlig verfehlt – zu meinem Glück. Schon mit 18 Jahren hatte ich erstmals Herzbeschwerden. Ich war damals im Internat und sagte meinen Kollegen: «Ich werde nicht 45. Schon vorher wird mich ein Herzinfarkt dahinraffen.» Nun, damals war dieser Zeitpunkt noch weit weg – und dennoch plötzlich da. Und ich lebe noch. Am betreffenden Geburtstag schenkten mir meine Kollegen einen kleinen Grabkranz: «In Liebe, deine Kameraden.» Denn: «Eigentlich bis du ja jetzt tot.» Makaber!
«Opas Hit-Parade»
Eine gute alte Bekannte von mir sagt bisweilen: «Wir werden alt.» Dann fügt sie oder ich hinzu: «Wir sind schon alt.» Aber woran merken wir das? Eine Antwort fand ich in der «Hochkultur» (wie R. G. sie nennt) der deutschen Schlager.
Ich hatte mich damals keineswegs schon alt gefühlt. Da kam im Schweizer Radio die Sendung «Opas Hit-Parade»; mit Liedern aus meiner Jugend, von meinen damaligen Idolen Peter Kraus, Freddy Quinn, Conny. Es waren also Lieder meiner Generation – die nun als «Opas» bezeichnet wurde. Ein schwerer Schlag!
Altersschübe
Mein deutscher Freund Hermann S. spottete schon vor Jahren: «Bei dir gibt es Übergänge von der Pubertät zu den Altersbeschwerden.» Na ja, man sagt ja, das Altern begänne bei der Geburt.
Es gibt Zeiten, in denen das Altwerden besonders spürbar ist. Zum Beispiel das 30. Jahr. Als ich etwa 25 war, meinte ein Mitbruder: «Wenn man 30 ist, übersteht man keine Freinächte mehr.» Eine Drohung für mich, da ich damals oft «Weisse Nächte» hatte. Nicht wegen Trunkenheiten (um das hässliche Wort «Besäufnisse» zu vermeiden!).
Der Grund: Als Mitarbeiter der damaligen «Aktion im Dienste des Bruders» (heute «Kovive») begleitete ich mehrmals im Jahr nächtliche Kindertransporte. Wir fuhren zum Beispiel im Zug nach Paris, erkundete dann am Tag die Stadt und assen nicht allzu früh zu Abend. Sollte dies nun alles zu Ende sein? Tatsächlich, kaum war ich 30 spürte ich, dass ich die Nächte nicht mehr durchmachen konnte. Eine typische Alterserscheinung!
«Zeit, um tot zu sein»
Einen brutalen Altersschub erlebte ich, als ich offiziell ins Pensionsalter kam. Damals, 2010, wurden mir gerade drei Krebse diagnostiziert. Wie mir mein Onkologe bestätigte, waren sie relativ leicht heilbar. Übrigens: Als er mir dies sagte, sass eine Medizinstudentin als Praktikantin dabei, wollte sich auch am Gespräch beteiligen und sagte. «Sie haben gut ausgewählt.» Der Onkologe wies sie entsetzt zurecht …
Nach meiner Heilung, die sich über ein halbes Jahr hinzog, fragte mich Walter Kirchschläger, Professor für Bibelwissenschaft in Luzern, wie es mir gehe. Ich sagte: «Hurra, wir leben noch. Ich könnte schon drei Mal tot sein.» Er meinte cool: «Zum Totsein hast du noch lange Zeit. Und wir brauchen dich noch.»
Gebraucht-werden
Mit dem ersten, was Walter K. sagte, hatte er sicher Recht. Aber mit dem Gebraucht-werden? Schliesslich sind die Friedhöfe voller Menschen, die unersetzlich waren.
Aber immerhin, hier im Kloster Schwyz, in dem ich seit zweieinhalb Jahren lebe, werde ich noch gebraucht, für Sonntagsaushilfen in Pfarreien, mit Messen und Predigten. Kürzlich ging mir in diesem Zusammenhang etwas Eigenartiges auf. Mit meinen demnächst 80 Jahren bin ich hier der jüngste Aushilfspriester. Dann folgt ein 81-Jähriger, nachher zwei 85-Jährige und ein fast 91-Jähriger. Sie alle sind noch recht aktiv. Im Kloster bleibt man offensichtlich jung …
Noch nicht alt?
Bekanntlich wollen alle altwerden, aber niemand alt sein. Auch ich ertappe mich dabei, wenn ich nicht als alt abgestempelt werde. Vor einem Jahr musste ich bei meiner Augenärztin lange warten. Sie entschuldigte sich: «Eine alte Frau war bei mir. Sie hatte Mühe mit dem Antworten beim Augentest. Aber wenn wir mal alt sind, werden auch wir dankbar sein, wenn man mit uns Geduld hat.» Sie war sich nicht bewusst, dass sie mit einem 79-Jährigen redete.
Ähnlich vor einigen Wochen meine Ohren-, Nasen-, Halsärztin. Ich hätte noch kein Hörgerät nötig, meinte sie. Aber «im Alter werden wir es uns überlegen müssen». «Im Alter»?
Und ich verstehe die liebe, inzwischen leider verstorbene Baldegger Schwester Jacintha Dähler immer besser, die mir, als sie 80 war, nach einem stressigen Tag als Missionarin in Tansania verriet: «Wenn ich einmal alt bin, werde ich dann …»
Verzichte
Ich will aber meinen Alterszustand nicht schönreden. Auch ich spüre schmerzhafte Verzichte. Zum Beispiel betreff meiner Ferien auf Kreta. Während 35 Sommer lag ich dort nicht bloss am Strand. Am Samstag/Sonntag feierte ich für die Touristen «internationale», d.h. mehrsprachige Gottesdienste in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Lateinisch (Einsetzungsberichte und Pater Noster) sowie mit Lesungen auf Griechisch und Polnisch.
Vor drei Jahren spürte ich, dass mir dies «zu viel» wurde. Statt über den Verzicht zu jammern sagte ich mir: «Wer hat schon das Glück, 35-mal auf Kreta Ferien zu verbringen?»
Ähnlich meine Dritt-Welt-Reisen. Als Redaktor der vorliegenden Zeitschrift ITE machte ich auf allen Kontinenten journalistische Recherche-Reisen. Auch wenn es manche meinten, waren diese Reisen keineswegs Ferien. Dreiwöchige Recherchen bei 35 Grad können sehr anstrengend sein! Seit einigen Jahren ist dies für mich zu anstrengend. Aber auch hier jammere ich nicht, sondern sage mir: «Wer konnte schon so viel von der Welt sehen?»
Gleichalterige sind «älter»
Adrian «Ädu», ITE-Redaktor und mein Guardian, riet mir, zur Vorbereitung dieses Artikels das Buch «Altern» der 80-jährigen Elke Heidenreich zu lesen. Bis hierher bin ich ohne ihre Anregungen durchgekommen – und hätte noch etliche eigene Ideen.
Trotzdem ein Beispiel aus dem Buch. Nach Lesungen aus ihren Werken sagte eine Frau zu ihr beim Signieren: «Wir sind derselbe Jahrgang.» Dazu Elke Heidenreich: «Ich sah hoch, und da steht ein zerknittertes Mütterchen in beigen Omaklamotten. Dann denke ich: Nee, jetzt, oder? Das bin nicht ich.»
Ähnliches geschieht mir öfters beim Anschauen von Todesanzeigen. Ich sehe das Bild eines Mannes: «Ist der alt!» Und ich bemerke, dass wir den gleichen Jahrgang haben. Und: Als ich damals mit einem Klassenkameraden nach Stans fuhr zur 30-Jahr-Feier unserer Matura, sagte mein Begleiter: «Schau, hier kommen einige unserer Kollegen.» Ich: «Nein, die sind doch viel älter als wir.» Doch sie waren es …
Dieser Artikel erschien erstmals in: ite 4/25 zum Thema «Alter»
Quergedachtes
Wir alle sind alternd.
Je älter man wird,
umso schneller muss man wieder Geburtstag feiern.
Warum gelten nur ältere Menschen als «alternd»?
Wenn die Alten sterben,
wird ihr Platz nicht leer.
Wir nehmen ihn ein.
Er sieht so alt aus,
dass niemand sich vorstellen kann,
dass er einmal jung war.
Die Disco-Jugend bevölkert die Altersheime von übermorgen.
Ab welchem Alter sind Jugendsünden keine Jugendsünden mehr?
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant