Ich muss immer schmunzeln, wenn ich lese, im 10. oder 11. Jahrhundert sei ein König oder Kaiser nach Rom gereist, um im Vatikan mit dem Papst zu reden. Denn so wichtig ein Mensch war, konnte er bis zum Jahr 1309 im Vatikan nirgends einen Papst finden. Päpste residierten bis zu diesem Zeitpunkt im Lateran, dessen Kirchweihe wir heute feiern.
Doch ob Lateran oder Vatikan: Es gab am päpstlichen Hof immer wieder Zeiten, in denen es keineswegs heilig zu und herging. Man könnte von einem Intrigrantenstadl sprechen. Oder noch schlimmer: Es kam nicht selten vor, dass ein Papst von seinen Gegnern vergiftet wurde.
Bis heute ist man sich dessen bewusst. Papst Franziskus berichtete in seiner Autobiographie: Bevor er ans Konklave reiste, riet ihm eine vornehme Frau: «Bergoglio, wenn sie Papst sind, müssen Sie sich einen Hund anschaffen. Bevor Sie etwas essen, müssen Sie es ihm zum Vorkosten geben, um sicher zu sein, dass es nicht vergiftet ist.»
Nun, wenn man an die früheren Zustände ihn Rom denkt, ist man überrascht, dass die Kirche trotz allem nicht unterging. Und heute: Öfters ist, vor allem im globalen Norden, von einer Kirchenuntergangsstimmung die Rede. Solche Bedenken sind nicht aus der Luft gegriffen. Denn es gibt zusehends mehr Tendenzen, welche die Zukunft der Kirche in Frage stellen.
Dazu gehören Statistiken über die Taufe, wie sie erst seit einigen Monaten zur Kenntnis genommen werden. Es werden immer weniger Kinder getauft. Innerhalb von nur zehn Jahren ging die Zahl der Kindertaufen um ganze 35 Prozent zurück. Im Augenblick wird in der Schweiz nur jedes vierte Kind getauft. Das bedeutet auch: Es sterben mehr Kirchenmitglieder als es Taufen gibt. Wie soll das weitergehen?
Oder etwas, das ich in den letzten 50 Jahren aus nächster Nähe erlebte. Wenn ich in den 1970er-Jahren von Luzern aus in grosse Pfarreien auf Wochenend-Aushilfe ging, hatte ich dort vier Gottesdienste zu feiern. In allen, ausser vielleicht in der Frühmesse, war die Kirche fast bis auf den letzten Platz besetzt. Als ich kürzlich in einer dieser Pfarreien am einzigen Gottesdienst des Wochenendes teilnahm, war die Kirche halbleer …
Noch schlimmer, was ich vor einigen Wochen am Samstagabendgottesdienst in einer kleinen Schwyzer Pfarrei erlebte. Es nahmen ausser uns sechs Mitwirkenden bloss vier Personen daran teil. Die Pfarreileiterin, die darunter war, meinte beschwichtigend, am Sonntag würden dann an einem Alpgottesdienst bedeutend mehr anwesend sein.
Tatsächlich, oft sind Gottesdienste ausserhalb des Kirchenraumes für viele anziehender. Ich erinnere mich: Als ich einst in Biel den Pfarrer während seinen Ferien vertrat, feierte ich jeden Werktag in der Unterkirche mit immer den gleichen fünf bis sechs Leuten Gottesdienst. Damals machten in der Stadt drei Theologiestudenten ein Praktikum, darunter übrigens Bernhard Schibli aus Schwyz. Sie rieten mir, einmal den Gottesdienst in den grossen Pfarrgarten zu verlegen. Sie würden mit einigen befreundeten jungen Paare daran teilnehmen. Schliesslich feierten wir mit etwa 20 Gläubigen die Messe, mit einem anschliessenden Imbiss. Noch 20 Jahre später schwärmten einige davon.
Ich erzählte später in einem Pfarrblattartikel davon. Von einer Ordensschwester erhielt ich eine gehässige Reaktion. Die Leute aus der Kirche zu vertreiben, sei eine teuflische Idee. Ich zitiere ihr die Apostelgeschichte, in der es heisst, die ersten Gläubigen feierten «in ihren Häusern» Eucharistie.
Dorthin gehen, wo die Menschen leben: in ihren Quartieren, in «weltlichen» Versammlungslokalen oder in grossen Wohnhäusern (vgl. «liturgische Stubete»!) Gottesdienst anbieten: Die könnte eine Form sein, um die Kirche in die Zukunft hinein zu retten. Sicher würde sie den Gottesdienst im Kirchengebäude nicht ersetzen, sondern von Zeit zu Zeit ergänzen. Aber dafür braucht es Toleranz jener, die am Bewährten hängen.
Dies ist nur eine der vielen Möglichkeiten, die Kirche zukunftsfähiger zu gestalten.Und: Ein andermal können wir sicher über weitere Zukunftsformen unserer Kirche nachdenken.
Predigt in der Kirche des Kapuzinerklosters Schwyz, 9. November 25
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant