Am nächsten Montag, den 10.November, ist es 50 Jahre her, dass an der Fakultät in Luzern ein neuer und grosser Jahrgang ins Theologiestudium startete. Und die noch lebenden Mitglieder dieses Jahrgangs sind zum Jahrestag nach Luzern geladen. Da kommen Erinnerungen hoch und natürlich die Frage, wie diese fünfzig Jahre diese Frauen und Männer verändert haben. Geschehen ist wahrhaft viel: JP II; der Rausschmiss von Hans Küng; die Opernhauskrawalle; das Verbot, über das Frauenpriestertum nur zu reden; Bischof Haas und der Widerstand gegen seine Ernennung; Ruedi Schmids Nicht-Wahl; der Aufstieg der Blocher’schen SVP; «The priest» und die Gründung von Adamim; die lähmende Ära des 16.Benedikt; Kurt Kochs Leiden am Bistum und sein Wegzug; 09/11 und der Kreuzzug von Bush; Blochers Abwahl; die verbotene Priesterinnenweihe auf Schiffen; der 1.Schock: ein Papst tritt zurück; der 2.Schock: sein Nachfolger ist Sympathisant der Befreiungstheologie; von Conchita bis Nemo, eine Reise; Huonder geht zu den Piusbrüdern; der Missbrauchsskandal stürzt die Kirche ins endgültige Elend; Trump und nochmals Trump; Covid etc. etc.
Da suche ich in meinem persönlichen Archiv nach den Erinnerungen an das Jahr 1975 und finde folgenden nie veröffentlichten Text:
Das Haus ob dem See
Ein heisser Vorsommertag war es, als Ingo erstmals einen Fuss in das Haus setzte, das sein Leben prägen würde wie kein zweites ausser der Wohnung zuhause natürlich. Zwischen Horden von japanischen Touristen, die am Seeufer die Schönheit der Swiss Mountains bestaunten und ihrerseits von den vielen Schwänen betrachtet wurden, hatte er sich hindurchgekämpft. Mulmig war es ihm schon zumute. Hatte er doch vor kurzem sein Leben einfach über den Haufen geworfen. Plan war es gewesen, in Basel ein Studium in Germanistik und Theaterwissenschaft zu beginnen, das Zimmer für den Studienbeginn war bei Verwandten schon organisiert, die Träume und Hoffnungen, die das Theatererlebnis vor vielen Jahren geweckt hatte, konnten nun umgesetzt werden. Doch das Leben hatte ihm plötzlich bös zugesetzt, mitten in den Vorbereitungen für die Maturität hatte er Schmerzen und Ängste eingefangen und damit seine engste Umgebung, die Familie, voll durcheinandergebracht.
Seine Patentante, die ihn vergötterte und noch nie einen seiner vielen frech-arroganten pubertierenden Sprüche getadelt hatte, hatte ihn voller Verzweiflung zum Pfarrer ihrer Wohnpfarrei geschickt. Pfarrer G nun war ein gewaltiger Mann, von massigem Körper, mit gewaltiger Stimme und mit stets widerlich stinkenden Zigarren minderer Qualität im Mund. Er hatte Ingos Sorgen und Ängste angehört, ihm zu diesen kaum einen guten Ratschlag erteilt, ihn dann aber mit dem kritischen Kommentar entlassen ob er denn meine, mit diesen Studienfächern der Menschheit zu dienen. Und Ingos in ethischer Hinsicht immer wieder anfälliges Ego war umgekippt und er warf seine ganze Planung über den Haufen. Doch das zu werden, was doch so offensichtlich Familiengeschichte (sein Onkel war als junger Priester tödlich verunglückt, seine Patentante hatte deswegen ihre ganze Zukunft verloren, die sie sich als ehrbare Pfarrhaushälterin vorgestellt hatte) und Familienhoffnungen von ihm erwarteten, doch einzutauchen in diese mystisch-geheimnisvolle und weihrauchgeschwängerte Welt des Katholizismus, plötzlich war dieser Entscheid und diese Planung da. Und er zog sie voll durch, in schnellem Tempo, ohne zurückzublicken und ohne sich nochmals ernsthaft in Frage stellen zu lassen. In späteren Jahren sollte er sich dann manchmal die Frage stellen, ob es denn irgendeiner Autorität gestattet sein darf, junge Menschen in solch direkter und autoritärer Weise zu lenken. Zumal genau dieser Pfarrer G später sein langjähriger Chef werden sollte, und Ingo dann mit wachsendem Erschrecken lernen musste, wie wenig Vorbild er ihm sein konnte.
Mahnungen und seltsame Blicke hatte es schon noch gegeben. So war da eine mürrisch-giftige Frage seines geliebten Englisch-Lehrers, warum er denn seine Talente für ein so unbedeutendes Studium wie das der Theologie verschwenden wolle. So war das das Vorgespräch mit dem Verantwortlichen seiner Diözese, einem milden Mann mit lockenumwogter Glatze, der ihm eher etwas befremdet zuzuhören schien. Und da war vor allem das überaus eigenartige Verhalten seiner Mutter, die seinen Entscheid mit Befremden, wenn nicht gar mit Erschrecken zur Kenntnis nahm. Vermutlich, so mutmasste Ingo, weil sie sich doch vom einzigen Sohn einmal Enkelkinder wünschte, einen Wunsch den er ihr aber nie zu erfüllen schon seit Jahren sicher war. Trotzdem, diese verschiedenen kleinen Haken im Fleisch seines Entscheids waren da, aber er beachtete sie nicht und zog durch. In Briefen abgeklärt, welche Universität in Frage kam (die natürlich, die zuerst zurückschrieb), in einem Telefonat die Frage des Wohnens am Studienort abgeklärt und die Antwort erhalten, sich im Seminar (so hiess das Wohnhaus für studierende Theologen) vorzustellen und es sich anzuschauen.
Mitten im Hochsommer-Tourismus stand es nun, dieses Haus. Modern, weiss, mit einem Flachdach und vielen einladenden Fensterfronten. Er wurde von einer Sekretärin und dann gleich vom Chef dieses Hauses, Regens genannt, in Empfang genommen. Auch dieser Regens mit Namen M war ein gewaltiger Mann mit grossem Bauch und mächtiger Stimme. Auch er verströmte wieder diese Aura absoluter patriarchaler Macht, die Ingo schon mehrfach aufgefallen und von der er leicht zu beeindrucken war. Regens M hatte nicht gleich Zeit für den jungen Mann und setzte ihn in die Cafeteria des Hauses, wo Ingo auf die ersten seiner zukünftigen Kommilitonen stiess. Pralles Leben war da, mehrere emsig diskutierende junge Männer, höchstens ein Jahr älter als er, die irgendwelche Prüfungen und irgendwelche Professoren abhandelten. Es schien Ingo, er sei wieder in die Welt seiner Schulkollegen Niklaus und Max zurückgekehrt, die Welt, die er so sehr geliebt und am Abend nach der Maturafeier mit Tränen losgelassen hatte. Dieses Haus atmete vom ersten Moment an reales und total gefülltes Leben, Leben, von dem er als Einzelkind bisher nur geträumt hatte. Da war so viel Idealismus und Zukunftsblick in der Luft, da war so viel männliche Energie (das Haus wurde nur von Männern bewohnt, die einzigen Frauen waren Nonnen, die sich um das Essen und Putzen für diese vielen Männer kümmerten), da waren Geräusche, Gerüche und liturgische Feiern, die das daneben voll organisiert ablaufende Studium bei weitem an Aussagekraft überstiegen.
Ich hoffe, dass ich Euch/Sie nicht allzu genervt habe, aber der Text ist 30 Jahre alt und recht authentisch.
(ausgeschaltete Kommentarfunktion, da persönlich)
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant