Verstehen die Palästinenser nur die «Sprache der Waffen»?

In einer Sprachschule in London sass ich, vor Jahrzehnten, neben einem Israeli. Er sagte mir: «Die Palästinenser verstehen nur die Sprache der Waffen.» Dass es auch andere Auffassungen gibt, zeigt mir ein eindrückliches Interview mit einem Juden und einem Palästinenser, die beide durch Anschläge durch die Gegenseite eine Tochter verloren haben. Heute setzen sie sich global unermüdlich für Versöhnung ein. Und nennen sich «Brüder».
Durch den Anschlag eines palästinensischen Selbstmordattentäters verlor der Jude Rami Elahan seine 13-jährige Tochter Smadar. Und ein israelischer Soldat tötete die Tochter des Palästinensers Bassam Aramin durch einen Schuss in den Hinterkopf, als sie auf dem Schulweg war. Beide Väter beschlossen, den Hass und die Wut in ihren Herzen zu überwinden. In ihren gemeinsamen Auftritten zeigen sie: «Israelis und Palästinenser können aufeinander zugehen, miteinander sprechen, sich befreunden, als «Brüder».
Unterdrückung hat Folgen
Ob er vom Massaker der Hamas an Israels im Oktober 23 überrascht worden sei. Auf diese Frage antwortet Aramain mit einer Aussage, die von den Israelfreunden niemand gerne hört, aber begreiflich ist: «Nein. Israel unterdrückt und demütigt seit vielen Jahren Millionen von Menschen. Es wäre naiv zu glauben, dass dies ohne Folgen bleibt.» Damit möchte der Palästinenser die Gräuel keineswegs rechtfertigen, aber zeigen, dass sie nicht vom heiterhellen Himmel gefallen sind.
Weiter äussert er seine Überzeugung: «Die Hamas wird Israel niemals auslöschen können. Umgekehrt wird es Israel nicht gelingen, die Hamas zu zerschlagen.»
Für den Palästinenser ist Rache sinnlos: «Bringt es meine Tochter zurück, wenn ich jemanden umbringe?»
Miteinander reden
Beide Väter von umgebrachten Töchtern sind Mitglieder des Familienforums Parents Circle. Seine Mitglieder wollen «mit vereinten Kräften aufzeigen, dass wir zusammenleben können».
Der Israeli Aramin ist überzeugt: «Bereits der andern Seite zuzuhören, ist ein grosser Schritt. Aber gerade darin liegt das Geheimnis. Wir müssen einander Gehör schenken. Was haben mir die Menschen auf der andern Seite zu sagen.»
Aber gerade die politische Situation im Land macht dieses Zuhören fast unmöglich. Wegen der trennenden Mauer kommt es kaum zu spontanen Begegnungen. Aus anderer Quelle weiss ich, dass zum Beispiel ein Jude, der in einer Schule den Dialog sucht, für die Schüler der erste Israeli ist, der nicht zum Militär gehört …
Aramin, der Sohn eines Holocaust-Überlebenden betont. «Wir wollen nicht, dass die Menschen für Israel oder Palästina sind. Wir fordern, dass sie für den Frieden sind, gegen Ungerechtigkeit und gegen diese andauernde Situation, in der ein Volk ein anderes beherrscht.»
Der Israeli zitiert seinen palästinensischen Freund: «Wie Rami immer sagt: Es gibt keine Freiheit für die Palästinenser ohne Sicherheit für Israel. Und es gibt keine Sicherheit für Israel ohne Freiheit für die Palästinenser.»

PS: Noch kurz zwei andere Stimmen:
Wirkliche Freiheit kann es nur geben, wenn ein tieferes Verständnis für das Leiden der andern entsteht – auf beiden Seiten.
Ashira Darwish. Die Therapeutin hat eine Methode der Trauma-Bewältigung geschaffen.

Antisemitismus hat nichts mit der Unterstützung der Rechte der Palästinenser zu tun. Der Vorwurf des Antisemitismus ist lediglich ein Versuch der Einschüchterung, ein Versuch zum Schweigen zu bringen.»
Gabor Maté, ungarischer Holocaustüberlebender

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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