Die Taufe als Neuanfang

(Ich habe mich während des heissen Tessiner Sommers hier mit Akzidenzien – Ära Homoki, Fidelio, Krawatte – beschäftigt und möchte jetzt zu Gewichtigerem, zur Substanz also, zurückkehren. Gleichzeitig bitte ich, diese Beiträge zum Thema der Taufe als Vertiefung des hier im Frühling/Frühsommer unter dem Namen «Konstantinische Wende» Geschriebenen zu verstehen. Ich merkte damals, dass ich mit dem etwas lockeren Argumentieren auch gewissen Ärger geschaffen habe. Da dieser Ärger damals aber leicht an die Gürtellinie zu rutschen drohte, muss ich dazu noch eine abschliessende Bemerkung machen: Die Löhne und Renten für Seelsorgende im Bistum St.Gallen waren und sind nie eklatant hoch gewesen, sie entsprachen jenen der Lehrer/innen. Aus materiellen Gründen ist kaum jemand Seelsorger/in geworden. Wer wie wir Junge damals 1980 in den kirchlichen Dienst einstieg, hatte und hat religiös-ethische Gründe. Das musste ich loswerden. Wenn Mutter Kirche im zentralen Punkt, der mein Leben prägt/e, liberaler und toleranter wäre, würde ich mir auch heute unter nachkonstantinischen Bedingungen diesen Weg überlegen.)

Ich sehe den Ansatzpunkt für eine neue Gestalt der katholischen Kirche und für eine zukunftsorientierte Pastoral unter den Rahmenbedingungen einer religionsfernen und die jüdisch-christlichen Wurzeln immer mehr vergessenden Gesellschaft im 21.Jahrhundert und den demokratischen Staaten des Westens in der Grundsatzfrage: Wer entscheidet sich zur Mitgliedschaft in der Kirche, den Pfarreien, den Bistümern und damit auch der Weltkirche? Warum und wozu fällt ein solcher Entscheid? Was hat dieser Entscheid mit den zentralen Inhalten der christlichen Religion, der Person und der Lehre von Jesus Christus zu tun? So ein Entscheid, so eine klare Orientierung des eigenen Lebens und Lebensweges, fällt in Zukunft ganz sicher kein Minderjähriger, gar ein Kind, mehr. Die Familien und die gesellschaftlichen Milieus, in die wir noch wie selbstverständlich hineingeboren wurden und deren Rituale und Werte wir unreflektiert übernahmen, gibt es nicht mehr. In einer «anything goes»-Gesellschaft ist vielmehr alles und jedes möglich, machbar, denkbar.

Daraus folgert für mich, dass unsere Kirche Abstand von der Kindertaufe nehmen sollte. Die Taufe sollte erst ab 16 Jahren nach einem katechumenalen Vorbereitungsweg (im Idealfall in der Familie, im Normalfall aber wohl in einer Pfarrei oder einer kirchlichen Gemeinschaft) und auf Grundlage eines freien persönlichen Entscheids möglich und Normalfall sein. Der grosse Aufwand der Katechese bei religiös Minderjährigen lohnt sich nicht mehr und trägt dürftigste Früchte. Wenn ein junger Erwachsener selber das Glaubensbekenntnis spricht, wenn er verfehlten Werten und Wertordnungen absagt, wenn er sich im Namen des dreifaltigen Gottes taufen und salben lässt (ich rechne die Firmung hier eigentlich mit ein), wenn er den Gottesdienst seiner Pfarrei oder Gemeinschaft im Wort und Sakrament mitfeiern will, dann beginnt sie für mich, die Kirche der nachkonstantinischen Zeit.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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