Die «nachkonstantinische» Wende steht an

Ich habe mich hier jetzt genug mit biographischen Erinnerungen und alten Geschichten befasst, so dass es an der Zeit ist, wieder ins theologisch-kirchliche Alltags-Getümmel zurück zu kehren. Und da hier in den vergangenen Blogs auch Herr Ric involviert war, sei ehrlicherweise dazugefügt, dass es auch ein Beitrag von ihm bei swiss.cath.ch war (»Aargauer Landeskirche am Scheideweg»), der mich auf ein nächstes Thema stossen liess.

Der verstorbene Papst hatte wenig Freude an Macht und Reichtum der Bistümer im deutschsprachigen Raum, das haben wir wohl gemerkt. Nicht nur dass er den edlen PW-Bestand der Bischöfe und Kardinäle Deutschlands kritisch kommentierte, nein und viel gewichtiger missbilligte er offensichtlich auch die staatskirchlichen Gebilde, zu denen Bistümer und Pfarreien im Verlauf der Jahrhunderte herangewachsen waren. Ich zumindest verstehe seine Bemerkung, dass es nicht noch eine zweite evangelische Kirche brauche, primär als Kritik an der gesellschaftlichen Verfasstheit und nicht an der liberalen Gedankenwelt.

Ich möchte mich – sonst wird mir das dann während Monaten um die Ohren geschlagen – auch ganz bewusst davon abgrenzen, wie der frühere Churer Generalvikar und Kirchenrechtler Martin Grichting in dieser Frage argumentiert hat. Er hat meines Erachtens in seinem Grundärger über den Verlauf der Causa Haas eine historisch unzulässige Parallele gezogen und für seine Conclusiones benutzt, nämlich die zwischen dem Entstehen und Wachsen katholischer Bistümer in der Anfangszeit der Vereinigten Staaten und der Verfasstheit unserer Schweizer Bistümer und Kantonalkirchen im Gefolge des Entstehens des Bundesstaates. Wie ich schon mehrfach dargelegt habe, liegen die Wurzeln für unsere «staatskirchlichen» Organisationen im Genossenschaftswesen der Eidgenossenschaft, also tief zurück ab dem 13./14.Jahrhundert. Mit «national geprägten und beeinflussten» Bistümern wie damals in Neuengland hat das gar nichts zu tun.

So grenze ich mich ab. Aber was mich mit Denkern/innen des anderen Kirchenflügels verbindet, ist die Überzeugung, dass bei uns im deutschsprachigen Raum die Zeit der «Staatskirchen» abgelaufen ist und dass eine radikale Trennung von Staat und Kirche mit allen materiellen Konsequenzen not tut, dass also die konstantinische Wende wieder umgekehrt wird, damit Kirche endlich wieder Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu im Geiste des Evangeliums werden und glaubwürdig als Salz der Erde und Licht der Welt wahrgenommen werden kann. Und dann – ich verstehe diesen Beitrag als Start zu einem Mehrteiler – spielen Fragen um die interne Organisation der Kirche und ihrer Ämter nicht mehr diese Rolle, zu der sie jetzt noch in der Endphase dieser absterbenden und fragwürdig gewordenen europäischen Form von Kirche hochstilisiert werden.

Mehr folgt (mit Widerspruch kann ich leben) …

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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