Motivierendes Buch über inspirierende Friedensstifter





Anna Melach | … wie aber führt man Frieden? Menschen, die die Welt verändern | Tyrolia Innsbruck-Wien | 2025 | 2. erweiterte Auflage | ISBN 978-3-7022-4213-8 | 253 S. | ca. CHF 28.90

Warnung: Ich habe gegenüber diesem Buch ein positives Vorurteil. Denn sein Titel nimmt einen Aphorismus von mir auf: «Wie man Krieg führt, wissen wir. Wie aber führt man Frieden?» Das Buch, vor allem für Jugendliche geschrieben, aber auch für Erwachsene durchaus lesenswert, präsentiert 19 inspirierende Persönlichkeiten aus 17 Ländern. Diese träumen, durchaus auf dem Boden der harten Wirklichkeit, von einer Welt ohne Krieg und Hass. Das Werk erschien erstmals 2010 und wurde nun um rund einen Drittel erweitert. Es ist offensichtlich: Seit der Erstausgabe ist es in fast unheimlicher Weise viel aktueller geworden.


Immer mehr Gewalt gegen Palästinenser
Gewalt und Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung nehmen zu. Darüber berichtet eine Deutsche, die in Palästina/Israel als Menschenrechts-Beobachterin im Einsatz stehen. Ich übernehme unkommentiert Ausschnitte aus ihrem Bericht. Doch ich frage mich: Was haben die geschilderten Unterdrückungsmassnahmen mit der Sicherheit Israels zu tun? Sie vergrössern offensichtlich den Hass gegen die Unterdrücker. Trotzdem: Es gibt Menschen, welche die Hoffnung auf Versöhnung nicht aufgeben; jenseits aller Ideologie. Nun zum Bericht:
Von zunehmender Siedlergewalt, am schlimmsten im Jordantal und südlich von Hebron, hören wir auch im Bezirk Bethlehem. Dorfbewohner:innen erzählen uns, dass bewaffnete Siedler dreist, gewalttätig und oft mit Unterstützung israelischer Soldat:innen palästinensisches Land besetzen, Straßen bauen, Bauern und Bäuerinnen sowie Schäfer:innen vertreiben, ihnen Vieh und landwirtschaftliche Maschinen stehlen und den Zugang zu Wasserstellen und Weiden verwehren. Selbst Kinder werden auf dem Weg zur Schule bedroht und Opfer von Gewalt.
Bei jedem Treffen in den betroffenen Orten erfahren wir von Schikanen, Bedrohungen und Gewalt, denen Palästinenser*innen, Männer, Frauen und Kinder ohne Unterschied, täglich ausgesetzt sind, ohne Schutz und ohne rechtliche Handhabe. (…)
Ein Familienvater sagt: «Unsere Häuser als sicheres, schönes Heim für unsere Familien bedeuten uns Palästinenser:innen viel. Alles, was wir uns erarbeitet und erspart haben, fließt in unsere Häuser. Jetzt haben wir nichts mehr.» Sein kleiner Sohn, etwa vier Jahre alt, weint. «Sie haben alles kaputt gemacht, auch mein Fahrrad. Ich will ein Gewehr, dann kann ich uns verteidigen.» Sein Vater, der selbst kaum die Tränen zurückhalten kann, streicht ihm über den Kopf. «Nein, wir üben keine Gewalt aus. Aber wir lassen uns nicht vertreiben, wir bleiben hier, das ist unsere Form des Widerstands, auch wenn wir in einem Zelt leben müssen.»
Schlimmer als vorher
Von allen Gesprächspartner:innen wird uns bestätigt, dass die Lage im Westjordanland schlimmer ist als jemals zuvor. «Wir können uns nicht mehr frei bewegen. Zusätzlich zu den vielen existierenden Checkpoints hat die israelische Armee neue errichtet und noch mehr Straßen durch Eisentore versperrt und durch Geröllberge blockiert. Schulunterricht muss ausfallen, weil Lehrer:innen nicht zu ihren Schulen gelangen können; Krankentransporte müssen lange Umwege fahren, und natürlich leidet die gesamte Wirtschaft darunter.»
In einem Flüchtlingslager
Wir haben eine Verabredung im Dheisheh Flüchtlingslager, dem größten der drei Lager in Bethlehem. Hier leben ungefähr 6.000 Menschen mit Flüchtlingsstatus.
Immer wieder kommen Soldaten. Sie blockieren alle Eingänge zum Lager, kommen in gepanzerten Jeeps, werfen Schallbomben und Tränengas, und sie schießen mit scharfer Munition.»
Ein Bewohner zeigt uns die Einschüsse an Hauswänden und sagt: «Die Bewohner:innen haben Angst. Die Soldat:innen dringen in Häuser ein, meistens werden vor allem junge Männer verhaftet. Wir wissen oft nicht, wohin sie gebracht werden und was ihnen vorgeworfen wird. Viele von ihnen sind in Administrativhaft.

Vor dem 7. Oktober hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) Zugang zu ihnen; seitdem nicht mehr. Wer entlassen wird, kommt häufig körperlich und seelisch zerstört zurück. Männer, die 95 Kilo wogen, sind nach ihrer Rückkehr fast Skelette und wiegen nur noch die Hälfte. Viele berichten von physischer Gewalt durch Gefängnispersonal und Soldaten, und manche von Folter.»
Gewaltfreier Widerstand
Unser Gesprächspartner, der selbst gewaltfreien Widerstand propagiert und Jugendliche unterrichtet, sagt: «Die Jungen und Mädchen lachen mich aus und fragen: ‹Wozu erzählst Du uns über Menschenrechte und Internationales Recht? Sieh doch, was in Gaza, in Ost-Jerusalem und hier im Westjordanland geschieht. Wir glauben nicht mehr daran, dass diese Rechte für uns in Palästina gelten, dass sich jemand für uns interessiert oder einsetzt.»
Und er fügt hinzu: «Wir verstehen das Leid der israelischen Familien, die Angehörige verloren haben und deren Kinder und Verwandte als Geiseln im Gazastreifen festgehalten werden. Wir fühlen mit ihnen. Aber fühlt auch jemand mit uns? So viele Familien in Palästina haben Leid erfahren. So viele unschuldige Menschen wurden getötet oder verletzt, gefühlt kennt jeder jemanden, der ohne Anklage in israelischen Gefängnissen sitzt.»
Was gibt uns Hoffnung?
Es sind die Menschen, die sich zusammenschließen in Organisationen, die sich über den Konflikt und über die Grenzen hinweg verständigen, sich gemeinsam für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden einsetzen. Zum Beispiel die israelisch-palästinensischen Organisationen Combatants for Peace und Parents Circle Families Forum, die israelischen Women Wage Peace und die palästinensischen Women of the Sun, die jüdisch-arabische Gruppe Standing Together, Rabbis for Human Rights
Es gibt viele, die ihre Stimme erheben gegen das Unrecht der Besatzung und für eine bessere Zukunft für alle Menschen in der Region. Von ihnen hören wir: «Wir wollen Frieden, aber nicht Frieden ohne Menschenrechte. Wir wollen Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden.»
Wir haben während unseres Einsatzes viele Stimmen gehört. Stimmen, die zu uns über Ungerechtigkeit und großes Leid gesprochen haben. Stimmen, die bemüht sind, trotz aller Hoffnungslosigkeit nicht aufzugeben. Stimmen, die es gewagt haben, «den Anderen» zu sehen und die daraus Kraft schöpfen für ihr Engagement für ein Ende der Besatzung und einen gerechten Frieden.
Sabina
Ich habe für pax christi – Deutsche Sektion am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) des Ökumenischen Rates der Kirchen teilgenommen. Diese Stellungnahme gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die von pax christi oder des Ökumenischen Rates der Kirchen sind.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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