Die Aushebung I

Die beiden «Gedenk»-Texte, die ich hier geschrieben habe, führten zurück in die Phase meiner Kantonsschul- und Studienzeit. Ich habe mich an Menschen erinnert (Walter Bochsler, Simon Lauer) die mir damals wichtig waren und die mich beeinflusst haben. «Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast» – dieser berühmte Satz aus dem «Petit prince» gilt auch im Umkehrverfahren. Ich bin zeitlebens geprägt von denen, die mich ihnen vertraut gemacht haben. Im negativen Sinn traumatisiert das, im positiven ist es Lebenshilfe und dankbare Erinnerung.

In der Diskussion mit Herrn Ric vor einigen Wochen auf dieser Plattform erwähnte ich auch die damalige Entscheidung rings um die Frage des Militärdienstes. Und da ich in meinem Büchlein davon nichts erzählt hatte, hole ich das jetzt eben hier nach. Quasi ein neues, wenn auch kürzeres Kapitel.

Ein 17Jähriger ist ein schwieriges, wenn auch faszinierendes Wesen. Noch ist nichts fertig ausgebildet, aber da sind viele Gedanken, Ideale, Träume, Hoffnungen. Entscheidend ist darum genau die oben erwähnte Frage, wem so ein junger Mersch vertraut wird. Das kann in der Ideologie, in der geistigen Abhängigkeit enden (wie es zurzeit im Internet in grossem Ausmass geschieht), oder es kann Eigenständigkeit fördern, Persönlichkeit bilden. Eltern, Pädagogen, Influencer jeder Art, sie sind, sie wären gefordert. Umso mehr, wenn es im Leben eines so jungen Menschen um wichtige Fragen um Zukunfts- und Lebensgestaltung geht. So eine Frage war in den siebziger Jahren die Frage des Militärdienstes, mitten in der Zeit des Kalten Krieges und des Schweizer Traums von der bewaffneten Neutralität. Wie es mir erging, will ich hier erzählen. Es wird wohl ein Zweiteiler werden.

Die Aufforderung zur Aushebung unseres Jahrganges traf rechtzeitig ein. Ich war aber schon vorher aktiv geworden und hatte beim Sektionschef vorgesprochen, um in Erfahrung zu bringen, wie man zum waffenlosen Dienst eingeteilt werden könne. Ich, noch nicht 18, traf auf einen mürrischen Bürokraten, der mir eine schöne Rede hielt, was in der Schweiz Bürgerpflicht bedeute und dass für junge Männer das Erlernen des Schiessens mit dem Sturmgewehr eine solche Pflicht darstelle. Meine strikte Weigerung, dies zu akzeptieren, ärgerte ihn, meine eloquente Berufung auf die Bergpredigt nervte ihn zusätzlich. Unser Gespräch verlief, wenn wir mal vom vorhandenen Machtgefälle absehen, von da an unproduktiv. Ich störte und war Sand im Getriebe, das war deutlich zu spüren. Mit Ach und Krach konnte er sich dazu durchringen, mir zu erklären, was man für ein Gesuch um waffenlosen Dienst benötige und an die Aushebung mitzubringen habe: eine persönliche schriftliche Begründung und Referenzen durch angesehene erwachsene Bürger.

Gesagt, getan, an die Arbeit. Ehrbare Menschen waren zu finden, die für mich Stellung beziehen könnten. Wer wohl? Der Herr Pfarrer. Der Religionslehrer am Gymnasium. Die Jugendanwältin der Stadt.

Mehr folgt…

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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