Nun noch ein anständiges Zitat, diesmal aus der wirtschaftlichspolitisch immer noch neoliberal denkenden, innenpolitisch SVP-braunen, materiell Tettamanti-geschmierten, aber im Kulturteil immer noch durchaus lesbaren «Weltwoche». Ein Peter Keller, von Haus aus Historiker, schreibt zum Thema Benedikt:
«Von 1962 bis 1965 begleitete Ratzinger den Kölner Kardinal Joseph Frings nach Rom, zum bislang letzten Konzil der katholischen Kirche. Hier holte er sich den Ruf eines jungen, reformfreudigen Professors. Umso grösser war die Enttäuschung über den späteren Theologen, der sich in den Augen seiner Kritiker zum rückwärtsgewandten Glaubenswächter wandelte. Als Schlüsselerlebnis gelten die 68er Revolten. Sie erfassten auch und gerade die theologischen Fakultäten. Was Ratzinger in seinem Innersten erschütterte, waren weniger die unflätigen Studenten als jene seiner Kollegen, die sich der Bewegung anschlossen und sich als Kirchenvordenker ausgaben, obschon sie den Glauben an Gott und die Heiligkeit der katholischen Kirche verloren hatten. Von nun an stellte Ratzinger den Glauben ins Zentrum seines Denkens. Insofern ging er den umgekehrten Weg vieler Zeitgenossen, die gerade durch den Intellekt vom Glauben abfielen. Der Theologe Ratzinger aber, dessen stupende Begabung seine besten Feinde nicht bestreiten, drehte das berühmte Wort Anselm von Canterburys um: Nicht fides quaerens intellectum – nicht der Glaube sucht nach der Einsicht, sondern der Verstand drängt zum Glauben. Für Ratzinger muss diese Erkenntnis einer Art Bekehrungserlebnis gleichgekommen sein. Und sie befreite ihn von der Vorstellung, dass die Kirche sich an ihrer eigenen Grösse zu orientieren habe: «Die Theologie des Kleinen ist eine Grundkategorie des Christlichen.» Christus selbst wandte sich den Aussätzigen zu, den Huren, dem verhassten Zöllner, den Kranken und Zweiflern, den Kleinen und Niederen. Das Evangelium verkündet das Gegenteil von Glanz und Gloria. In diesem Geist sieht Ratzinger auch die Frage nach der Gestalt der Kirche. Er erkennt zwei Reformkonzepte am Wirken: «Das eine Konzept ist, mehr auf äussere Macht, auf äussere Faktoren zu verzichten, aber umso mehr aus dem Glauben zu leben.» Das andere bestehe darin, «Geschichte bequemer zu machen».»
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant