Noch ein Gedenken

(Wer biographisch-inhaltlich Ausführlicheres sucht, den verweise ich auf den Artikel von Urs Tremp in der NZZ vom 1.Februar dieses Jahres, auf den Nachruf auf der Homepage der Uni Luzern und auf die Würdigung durch Christian Rutishauser hier auf kath.ch. Ich scheibe aus persönlicher Perspektive, verbunden mit der Besorgnis über das Aufkommen eines neuen Antisemitismus.)

(Und ein bisschen Werbung sei doch erlaubt: Anfangs Sommer erscheint eine SKZ-Ausgabe zum Thema, die ich verantworten darf.)

Simon Lauer (1929-2025) war anders als Walter Bochsler ein langes Leben geschenkt. Und das war nicht selbstverständlich: Seine Familie hatte das Glück, Deutschland noch verlassen zu können, bevor die Tore zu Tod und Horror endgültig fielen.

Wieder einmal erschrecken wir vor der Tatsache, wie viel für die menschliche Zivilisation ungeheuer wertvolles Leben, das Leben von Künstlern und Künstlerinnen, von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, von hochgebildeten Juristen, Historikern, Medizinern etc. etc. im Namen einer irren Ideologie staatlich organisiert vernichtet wurde. Stellen wir uns vor, dass etwa Hanna Arendt, Ludwig Wittgenstein, Karl Popper und Viktor Frankl auch umgebracht worden wären und vergleichen wir das mit den Schlussfolgerungen, die genau diese vier gezogen haben. Hören wir dann einzelnen Exponenten von AfD und FPÖ zu und erinnern uns der Devise aller Devisen: Nie wieder!

Nun zum Menschen, den ich würdigen möchte. Anders als bei Walter Bochsler, den ich als Kommilitonen und guten Freund bezeichnen konnte, rede ich nun von einer Autoritätsperson, der ich in einer wichtigen Phase meiner Persönlichkeitsfindung begegnen durfte (und der ich einen Sechser im Maturazeugnis verdanke, eine späte Rache an meinem traumatischen Einstieg in diese Materie bei Rektor Hälg v/o Bully). Simon Lauer war in der Zeit von 1971 bis 1975, in der ich die Kantonsschule in St.Gallen, damals noch eine Trutzburg des freisinnig-liberalen Denkens, besuchte, als Altphilologe tätig. Er stand zu seinem Judentum und trug den schwarzen Hut immer bis zur Klassenzimmertür, nach deren Schliessen sich uns dann Stunde für Stunde ein hochgebildeter, hoch anständiger und menschenfreundlicher Pädagoge zeigte. Disziplin durch Massnahmen schaffen war nicht sein Ding (gewisse Klassen nutzten dies wohl aus), sondern durch seine Persönlichkeit als Universalgelehrter. Das war gewaltig, wir lernten Latein eigentlich, um ihm eine Freude zu bereiten, nicht weil es der humanistischen Bildung wegen eben sein musste. Stunden, Wochen und Jahre vergingen im Flug, freundlich lächelnd zog er uns Barbaren zum besseren Verständnis von Sprachklang und Kultur. Und als er uns etwa dort hatte, wo das Ziel von maturi und maturae liegt, da gab er nicht nach: Beim Lesen von Ovid erschauerte er, nicht wegen schlechter Übersetzung, sondern wenn die Hexameter nicht richtig betont wurden!

Natürlich quetschten wir ihn aus, was orthodoxes Judentum bedeute. Wieder freundlich lächelnd erklärte er vieles, nicht ohne den Scherz, dass seine Familie am Sabbat gerne Christen als Besuch habe, die dann gewisse Knöpfe drücken könnten… Nie ein Wort über die düstere Vergangenheit, nie ein Vorwurf an sein Heimatland. Und mich als an religiös-ethischen Fragen interessierten Schüler ermunterte er zum Studium der Theologie. Dies war wohl die «Berufung», von der man oft so bedeutungsschwer unkt. So lud ich ihn Jahre später an meine Primizfeier, auch ein Pfarrei- und Familienfest wie bei Walti, ein, und er nahm teil. Den Schinken im Brotteig übersah er lächelnd.

Ein prägender Mensch und Lehrer, ein Vorbild. Durch ihn lernte ich die herzliche Seite des orthodoxen Judentum kennen. RiP.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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