Warum's in der Enge wohlig ist

Heute morgen im St.Galler «Tagblatt» an gut auffindbarer Stelle ein gut 12jähriges Ratzinger-Zitat, etwa in dem Sinn: Bevor die Theologen/innen auf den Fundamentalismus einschlagen, sollten sie sich überlegen, warum es vielen Menschen in der religiösen Enge wohl ist. Bewusst wohl jetzt als Zitat gesetzt, bei all den Berichten über die Piusbrüder und -schwestern.
Touché, chef, rufe ich Benedikt entgegen, aber wohl nicht an einer empfindliche Stelle der getadelten Kollegen/innen, sondern ins Herz der Wahrheit, dessen, worum es geht. Enge ist das Gegenteil von Weite, Abhängigkeit das Gegenteil von Autonomie. Ja natürlich fühlen sich viele Menschen wohl in Enge und Abhängigkeit, haben Angst davor, selber denken zu (lernen) müssen. Woher kamen denn die über 40% für die NSDAP, woher kommen denn die gegen 30% für BZÖ/FPÖ bzw. SVP? ABER: Das darf doch ein Kirchenmann nicht einfach als naturgegeben akzeptieren!
Jesus von Nazareth führte Menschen aus der Enge in die Weite, aus Abhängigkeiten in Autonomie. Die Berichte über seine Dämonen-Austreibungen etwa geben herrlichen Anschauungsunterricht. Die bessenen Männer von Gerasa kriechen aus ihren Höhlen, die Schweine springen in den See. Das ist Aufgabe von Theologie und von Seelsorge.
Religion, die nicht befreit, die nicht emanzipiert, ist schädlich, Opium für die kleinen Leute, sie ist verzichtbar. Das können Boulevard und Populisten denn nämlich doch besser.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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