Das Hauptthema der heutigen Lesung aus dem 1. Korintherbrief ist die Einheit. Die Einheit der Christgläubigen ist ein Herzensanliegen Jesu. Noch im Abendmahlssaal hat er ja gebetet, «dass alle eins seien».
Seit dem Konzil wird dieses Anliegen ernster genommen als vorher. Wer nicht mehr ganz jung ist, erinnert sich, wie die christlichen Konfessionen nebeneinander, ja gegeneinander lebten. Wie oft hörte man damals Sätze von Katholiken: «Es gibt auch rechte, anständige Protestanten.» So etwas galt schon als Ausdruck der Toleranz.
Inzwischen ist das Miteinander der Konfessionen für die allermeisten selbstverständlich geworden. Ich habe dies sehr eindrücklich erlebt, als ich auf Kreta als Touristenseelsorger war und eine katholische Taufe hielt. Taufpate war ein Orthodoxer. In der Einleitung sagte ich: «Wir alle haben den gleichen Vater im Himmel; den gleichen Freund Jesus Christus.» Bevor ich weiterfahren konnte, unterbrach mich der orthodoxe Götti und rief: «… und den gleichen Heiligen Geist.» Ich war sehr beeindruckt.
Und immer mehr erfahren die Christgläubigen aller Konfessionen: Wir müssen zueinanderstehen und mit vereinten Kräften uns für eine bessere Welt einsetzen, für mehr Friede, für mehr Gerechtigkeit. Wenn wir dies gemeinsam tun, gelingt es uns besser als wenn wir unsere Kräfte zersplittern. Etwas salopp heisst es in einem modernen Lied:
«Im wesentlichen Falle, da brauchen wir uns alle
auf diesem Erdenballe, damit er nicht zerknalle.»
Hören wir nochmals die Worte von Paulus an die Korinther: «In dem einen Geist wurden wir durch die Taufe alle zu einem einzigen Leib: Juden und Griechen, Sklaven und Freie.» Diese Vorstellung ist für Paulus sehr wichtig. Noch prägnanter formuliert er sie in seinem Galaterbrief in den viel zitierten Sätzen: «Es gilt nicht mehr Jude und Grieche, nicht Sklave und Freier, nicht Mann oder Frau. Denn alle seid ihr eins in Christus Jesus.»
Wir können hinzufügen: Ihr habt alle die gleiche Würde, weil ihr alle Geschöpfe des gleichen Gottes seid. Wir sehen: Das Wesentliche ist das Gemeinsame. Auch wenn wir in vielem anders sind, ist dies nebensächlich. Nochmals auf den Glauben bezogen: Wesentlich ist unser Christsein, unwesentlich ob wir Katholiken, Protestanten oder Orthodoxe sind. Darum haben wir keinen Grund, auf die andern herabzusehen.
So wenig Grund haben wir, Menschen anderer Herkunft oder anderer Hautfarbe geringzuschätzen. Auch wenn wir aufgeschlossen sind, gelingt uns dies keineswegs immer. Tief im Grunde unserer Herzen schlummert die Vorstellung, dass wir Weissen, wir Schweizerinnen und Schweizer, doch etwas – wie man sagt – «mehr Besseres» sind.
Seien wir ehrlich: Nicht immer gelingt es uns, zum Beispiel einen schwarzhäutigen Asylsuchenden als vollwertigen Menschen zu betrachten und zu behandeln, da er die gleiche Würde als Mensch hat, als gleichwertiges Geschöpf Gottes.
Kommen wir zum Schluss: Es lohnt sich, selbstkritisch darüber nachzudenken.
(Predigt in der Kirche des Kapuzinerkloster Schwyz, 26. Januar 25, 8 Uhr)
Israel: «Eine fürchterliche menschliche Katastrophe»
Der israelische Historiker und Journalist Tom Segev betonte in einem Gespräch mit der Zeitschrift der deutschen Franziskaner: «Wir hätten niemals die Armee nach Gaza schicken dürfen, auch nicht nach dem fürchterlichen Angriff vom 7. Oktober.»
Mit dem Krieg habe sich eine «fürchterliche menschliche Katastrophe» ereignet mit mehr als 40 000 Toten, darunter mindestens 10 000 Kinder. Ich denke auch an die Kinder, die noch am Leben sind, die zu Waisen geworden sind; die vielleicht verkrüppelt sind, keine Augen oder Beine mehr haben. Das ist eine Generation, die uns verfolgen wird. Und wie werden wir jemals Frieden machen mit diesen Menschen und sie mit uns?»
Weiter bedauerte der Israeli in der Zeitschrift «Franziskaner», dass die Katastrophe der Menschen in Gaza an der Mehrheit der israelischen Bevölkerung einfach vorbei gehe. Und: «Jeder Mensch, der sich in Deutschland und sonst wo irgendwie als Israelfreund versteht, darf das nicht einfach so hinnehmen.»
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant