Roman Kniker (1929-2021), der nach der Auswanderung in die USA wie sein Bruder seinen polnischen Familiennamen auf Kent vereinfachte, war ein Holocaust-Überlebender, Träger des Verdienstordens der Bundesrepublik und engagierte sich zeitlebens in Organisationen zur Aufarbeitung der Schoah, etwa im Internationalen Auschwitz-Komitee. Die Befreiung dieses Lagers jährte sich eben zum 80.Male, und in diesem Zusammenhang zitierte im Rahmen der Gedenkveranstaltung in Berlin der noch lebende Zeitzeuge Marian Turski wieder einmal Kents «11.Gebot».
Kent verwies auf die jüdisch-christlichen Wurzeln unserer westlichen Zivilisation und auf die dabei tragende Bedeutung des Dekalogs und formulierte im Gefolge von Holocaust/Schoah ein elftes Gebot: «Du sollst nicht gleichgültig sein.»
Was mich hier fasziniert ist, dass dieses elfte Gebot zeitlos ist, dass es völlig unabhängig von der Frage unseres Umgangs mit dem Judentum und unserer historischen Schuld weitergedacht werden kann. Es spricht eine unserer menschlichen Grundschwächen an, das Wegschauen und Weghören, wenn wir Unrecht begegnen oder auch nur das Verdrängen und Verharmlosen, wenn wir Formen und Spuren von struktureller Gewalt begegnen.
«Nicht gleichgültig sein» heisst:
– Sich einmischen
– Protestieren
– Gegenargumente formulieren
Das macht unbeliebt, unbeliebt bei den Tätern/innen und den Mächtigen, die diese decken. Mariann Edgar Budde hat dies soeben erlebt. Sie blieb nicht gleichgültig gegenüber Trumps verallgemeinernden Hassworten, etwa gegen Immigranten und gleichgeschlechtlich Fühlende. Und nun wird gar gefordert, dass sie aufgrund ihrer schwedischen Wurzeln aus den USA ausgewiesen werden soll. Da sind wir nicht allzu weit von den ideologischen Hintergründen, die zum Holocaust führten, entfernt.
Ich erinnere mich:
– an gleichgültige Kleriker, die jungen Männern, die den Militärdienst verweigern wollten, nicht beistanden
– an gleichgültige Golfspieler, die schweigend dastanden, wenn machistisch-frauenfeindliche Sprüche fielen
– an gleichgültige Konsumenten/innen, die nicht wissen wollen, wie Nutztiere gehalten werden
und werde selber nachdenklich. Zur schweigenden Mehrheit zu gehören ist einfach, aber es verstösst gegen das elfte Gebot.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/du-sollst-nicht-gleichgueltig-sein/