Ich bin bis hierhin in meinen Beiträgen im Wesentlichen der Grundthese Poppers gefolgt, erlaube mir nun aber, diese These in meiner eigenen Sprache und Gedankenwelt fortzuführen. Ermutigt dazu hat mich auch der Feuilleton-Beitrag von Martin Rhonheimer in der NZZ vom 9.Januar (S.32) mit dem Titel «Demokratie ist von rechts und links bedroht»: «Es sollte uns klar sein, was in der Auseinandersetzung der Ideen und der von ihnen geprägten Systeme jenes Bessere und Richtigere ist, das es schon deshalb zu verteidigen gilt, weil es dazu zwar verschiedene Ausformungen, aber keine praktikable Alternative gibt.»
Nein, es gibt keine Alternative zu einer liberalen offenen Gesellschaft, die die Grundrechte jedes Individuums, insbesondere die Meinungsvielfalt, die Vielfalt der Lebensformen und die der religiösen Anschauungen achtet und (insbesondere die Minderheiten) gegen jeden Totalitarismus, habe er linke, rechte, evangelikale, katholikale, ultraorthodoxe, islamistische, radikalökologische etc. etc. Wurzeln und Züge, schützt und verteidigt.
Die Feinde und Feindinnen der offenen Gesellschaft haben zwar völlig unterschiedliche Heilsbotschaften und Lösungsmittel anzupreisen, in einem aber waren und sind sie sich fast immer gleich: Sie verabscheuen Unsicherheit/en jeder Art und die ihnen logischerweise folgenden offenen Diskussionen von Wissenschaftlerin/innen und Verantwortungsträgern/innen und sie verstecken sich deshalb in ihren (mehr oder weniger glaubwürdigen oder auch konfusen) Denkschemata, Dogmenhierarchien bzw. ideologischen Thesen, die sie für die alleinig richtigen (in der katholischen Sprache wohl die «unfehlbaren») halten und der offenen Diskussion so zu entziehen versuchen. In Ludwig Wittgensteins Sprache sagt man dem, was so geschieht, «Sprachspiele» innerhalb einer geschlossenen Gruppe (»Philosophische Untersuchungen»); nur mit dem, was die Aufklärung und ihre Denker und allgemein die Logik «Wahrheit» nennen, hat das nichts zu tun. In Sprachspielen geschlossener Gruppen ist fast alles wahr.
Nun ist es natürlich nicht verboten, sich aus Angst vor der Komplexität der Welt und ihren Problemen in solchen «Schneckenhäusern» zu verstecken, sich dort von Gleichgesinnten bestätigen zu lassen und sich so pudel-wohl zu fühlen. Nur sollte man aus der geschlossenen Gruppe heraus dann nicht die angreifen, die sich mutig und im Bewusstsein, Risiken einzugehen, politisch und gesellschaftlich engagieren. Doch ist es eben erfolgreich, möglichst populistisch herum zu brüllen. Leider.
(Es ist übrigens auch nicht verboten, sich in einem Kirchen-Schneckenhaus zu verstecken. Solange man nicht die Wahrheit für sich beansprucht.)
Die Feinde und Feindinnen der offenen Gesellschaft: Ihre Anzahl nimmt zu, je mehr Instabilität – ökonomische, ökologische, soziale, ethische – sich offenbart. Darum die Wahl- und Abstimmungs-Ergebnisse, bei denen Billig-Erklärer und Rattenfänger erfolgreich sind. Und dem muss eine Allianz der Vernünftigen entgegen treten. Wählen wir doch nur noch Parteien, die sich billigen Lösungen und Konzepten verweigern.
(PS: Vielleicht hatte ich mit meiner Definition von Oligarchie hier im November etwas übers Ziel hinausgeschossen. Die Demokratie bleibt wohl die beste aller schlechten Staatsformen. Aber sie schafft sich selber ab, wenn die Allianz der Vernünftigen keine Mehrheiten mehr schafft. – Dies als Gesprächsangebot.)
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/die-feinde-der-offenen-gesellschaft/