Das Ende der offenen Gesellschaft ?

Man(n) erlaube mir Ernsthaftes bis sogar Bedrückendes zu den Festtagen an diesem Orte. Irgendwie habe ich die Nase voll von alle diesem Wohlfühl-Getöne und -Gedusel, das uns aus den Billigmedien, den Werbeslogans und den Festreden unserer Verantwortungsträger erreicht.

Seit Karl R. Popper 1957 den Terminus in unser philosophisches Vokabular eingeführt hat, war die offene Gesellschaft, waren die offenen Gesellschaften unserer freien demokratischen Staaten nie mehr so in Bedrängnis wie jetzt. Die Demokratien schaffen sich reihenweise selber ab, indem in freien Wahlen Demagogen an die Macht kommen, die lauthals ankündigen bzw. androhen, die Menschenrechte (Recht auf freie Meinungsäusserung, Recht auf individuelle persönliche Entwicklung u.v.m.) einschränken zu wollen. Die offenen Gesellschaften zerfallen zunehmend in intolerante Gesellschaften, in denen sich unterschiedliche Lager und Milieus kompromisslos und kampfbereit gegenüber stehen. Und von Lessings Ring-Parabel und ihrem Ethos bleibt nur noch Schall und Rauch, wenn wir erleben, wie die Zahl von Evangelikalen, Katholikalen, Ultraorthodoxen und Islamisten wächst, während die alten weisen Lehrer/innen langsam aber stetig aussterben.

Meine Diagnose beruht auf Poppers Grundthese: Geschlossene Gesellschaften sind in krisenhaften Zeiten (technologischer Fortschritt, demographischer Wandel, ökologische Krise, blanker Individualismus etc.) attraktiver für verunsicherte Menschen, weil sie dann nicht selber denken müssen, sondern dankbar das Denken einigen lauthalsen Ideologen/innen überlassen und eben nicht merken, dass sie wie dumme Kühe/Lämmer/oder was auch immer dabei ihre Metzger/innen wählen und ihnen an die Macht helfen.

Ja: Georg Wilhelm Friedrich Hegel – wäre er noch unter uns – hätte seine helle Freude daran, wie seine giftige Saat vom starken Staat als Schlusspunkt hinter alle Diskussion, Synthese und Vielfalt am Wachsen ist. Heinrich Mann – dito – würde uns sagen, dass es eben immer mehr Diederichs als Kantianer und «Wittgensteinianer» gegeben hat und geben wird. Und Ernst-Wolfgang Bockenförde würde bemerken, dass in einer zunehmend religionslosen Welt ethische Grundlagen wie antike Trümmerteile zerfallen.

Alice Weidel, Viktor Orban, Matteo Salvini, Donald Trump, Herbert Kickl und ihre geistigen Verwandten auch in unserem Land: Die geschlossenen Gesellschaften wachsen. Und die, die schon Diktatoren sind wie Wladimir Putin, die lachen sich ins Fäustchen.

Schöne und besinnliche Festtage Ihnen allen, liebe Leser/innen meines Blogs!

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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