Advent; oder «Abfent»

Wir alle wissen es, seit wir Kinder waren: Der Advent ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Wenn wir jedoch nach ihrem tieferen Sinn fragen, sind wohl die meisten modernen Menschen überfordert. Und immer öfter hören wir die Klage: Der Advent als solcher findet kaum mehr statt. Überall stehen schon die Christbäume.
Ein kritischer Beobachter hat zudem festgestellt: «An vielen Weihnachtsmärkten gibt es keine christlichen Symbole mehr.» Dass ein solcher Markt auch ohne jeden Bezug zum Glauben möglich ist, habe ich vor Jahrzehnten in der DDR, in Ost-Berlin erlebt. Es gab dort zwar Wesen wie Engel. Sie hiessen jedoch «geflügelte Jahresendzeit-Figuren».
Dass Advent auch in frommem Gewand bedeutungslos sein kann, zeigt der bekannte bayerische Kabarettist Gerhard Polt. Er schwärmt von der typischen, «uralten christlichen Tradition» des Abfent als einer Zeit der Erwartung. Die Frage, worauf sich diese Erwartung richte, beantwortet er wortreich-inhaltlos; «Dass man sich darauf besinnt, gell. Wo man sagt, jo moll, jetzt wird’s ernst. Jetzt muss man sich Gedanken machen …» Um den Ernst der Lage zu unterstreichen, singt der Mann aus vollem Herzen grauslich falsch und schön laut: «Abfent! Abfent!» –
Genug des Jammerns und des Spottes. Wenden wir uns dem Evangelium des heutigen 1. Adventssonntages zu. Es entstand in der Zeit, als der Tempel von der römischen Besatzungsmacht zerstört war – und das ganze Volk zutiefst erschüttert.
Wir übertreiben nicht, wenn wir denken, dass wir heute in einer ähnlichen Situation leben: in einer Zeit vielfältiger Krisen. Sie nehmen kein Ende; im Gegenteil: sie zuspitzen sich zu.
Wie es im Evangelium heisst, sind auch heute «die Völker ratlos». Denken wir nur an die Warnung, ein Atomkrieg sei nicht ausgeschlossen. Damals drohte die Natur mit schrecklichen Katastrophen – wie heute in der sich verschärfenden Klimakrise.
Doch schauen wir das Evangelium genau an. Es ist nicht eine lange Ansammlung von Schreckensmeldungen – wie oft in heutigen Medien. Nein, plötzlich findet ein Stimmungsumschwung statt. Unvermittelt heisst es: «Richtet euch auf und erhebt eure Häupter. Denn eure Erlösung ist nahe.»
Darum haben wir auch heute keinen Grund zu Verzweiflung und untätiger Resignation. Wenn wir in die Weltgeschichte schauen, sehen wir: Jeder Krieg hatte ein Ende. Und dies meistens nicht wegen immer effizienteren Waffen; sondern dank der Versöhnungsbereitschaft von Menschen, die unbeirrbar glaubten: Friede ist möglich. Sie wirkten oft unter Einsatz ihres Lebens für Versöhnung. Und vertrauten gleichzeitig auf die Kraft Gottes, der Frieden will. Oder wie wir im Hochgebet der Versöhnung beten: «Dein Werk ist es, wenn Rache der Vergebung weicht.»
Kommen wir zum Schluss und sagen: Der Advent ist nicht bloss die Zeit niedlicher «geflügelter Jahresendzeit-Figuren». Er ist nicht nur die Gelegenheit zu besinnungslosem Konsum – wie wir es bereits vorgestern am black friday erfahren haben.
Advent ist die Zeit der Erwartung der Geburt Jesu, der uns nicht zufällig als Friedensfürst angekündigt wurde. Auf ihn dürfen wir voller Zuversicht und Dankbarkeit hoffen.
Predigt in der Kirche des Kapuzinerkloster Schwyz, 1. Dezember 24, 8 Uhr (1. Advent)

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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