Nach heiklen Themen nun etwas ganz Anderes, eine Kritik zu einem Krimi aus der ARD-Reihe «Tatort». Ich fühle mich dazu aus zweierlei Gründen berechtigt. Zum einen gehöre ich schon lange zur grossen Fangemeinde dieser Reihe, schaue alle Folgen und kenne die ermittelnden Personen bestens: Die Komiker aus Münster, die grauen Männer aus München, die einsame Wölfin aus Hannover und vor allem das Genie aus Wiesbaden etc. Zum anderen habe ich mich vor einem Jahr hier nach der Präsentation der Schweizer Missbrauchsstudie schon ausführlich zu diesem Thema eingelassen. Der Titel «Schweigen» bezieht sich explizit auf den Umgang der Kirche, exakter der Bistumsleitungen, mit dem Thema: Verdrängen, Schweigen, Versetzen, Archivieren.
Die Handlung ganz kurz: Kommissar Falke nimmt eine Auszeit in einem Kloster und stolpert über den beim Brand seines Wohnwagens ums Leben gekommenen pensionierten Pfarrer. Dieser Tod wirft Fragen auf, noch mehr die Riesensammlung an Fotos/Dias von nackten und auch missbrauchten Jungs zwischen 9 und 13 im Keller des Pfarrhauses. Einzelne ehemalige Missbrauchsopfer, nun längst erwachsen, sind verdächtig. Der Mord war kein Mord, sondern ein Unfall, aber der Ortsbischof, der den Pfarrer deckte, die Versetzung nach Afrika vornahm, damals beim Missbrauch sogar beteiligt war, wird verhaftet. Der Generalvikar (Opfer, nicht Täter), der vertuschen half, begeht Suizid. Ende von 90 Minuten Schrecken. Gute Schauspieler, dichte Atmosphäre, starke Bilder, kaum Voyeurismus.
Der Plot/das Drehbuch wirft unserer Kirche möglichst allen Dreck nach, den man nur ansammeln kann. Das ist hart, aber ja irgendwie zurzeit verständlich. Zumindest die Mönche im Kloster sind gute Menschen, auch die Angehörigen der Pfarrei. Der Kommissar wird wohl Atheist bleiben.
Nun hat das Drehbuch einen konkreten Hintergrund, den ich hier vor einem Jahr (am 14.10.2023 genau) schon dokumentiert habe, den Fall Dillinger. Ich zitiere mich selbst: «Als Exempel diene nun ein Fall aus Deutschland. Im Nachlass seines Onkels Edmund Dillinger (1935-2022) fand sein Neffe über 700 Filmstreifen mit Dias von nackten Kindern und Minderjährigen, in eindeutiger Pose aufgenommen, weisse und schwarze Jungs. Herr Dillinger, Priester, Religionslehrer, Entwicklungshelfer, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, flog eigentlich schon 1971 auf. Ein junger Kollege rapportierte zu Recht ans Bistum (Trier), dass er sich auf einer Rom-Reise ungebührlich verhalten hatte. Die Folge war die Versetzung ins Bistum Köln mit gleichen Aufgabenbereichen. Und er machte weiter, fotografierte weiter und fand in Afrika noch manipulierbarere Opfer. Das alles hätte verhindert werden können, hätte man ihn 1971 suspendiert und in eine Therapie verwiesen.»
Ich empfehle diesen Tatort, wenn nicht schon geschehen, zum Anschauen. Auf der ARD-Mediathek bleibt er länger abrufbar. Allein die Gesichter und Blicke der Handelnden, Opfer, Täter und Aufklärer, sind es wert, sich der Frage auch auf diesem Wege zu stellen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant