Was lernen aus Covid?

Ich begebe mich auf etwas weniger heikles Territorium, wenn das Thema auch eine der heiss diskutierten Fragen der letzten vier Jahre war. Ich bin weder Mediziner noch Immunologe und werde mich nicht zu deren Fachfragen wie auch nicht zu allfälligen Verantwortlichkeitsdiskussionen in diesen Bereichen einlassen.

Nein: Mir geht es darum, inwiefern die Pandemie und die Politik bzw. Politiker/innen, die mit ihr umgehen mussten, unsere Gesellschaft auf längere Zeit verändert haben. Zwei kurze Texte aus der «Hart aber fair»-Diskussion auf ARD von Montag, dem 18.11., dazu:
– «Diese Wunde ist noch offen und wird lange nicht heilen. Die gesellschaftliche Spaltung besteht nach wie vor.»
– «Hätten wir in den 60er Jahren schon social media gehabt, wären Polio und Pocken noch heute nicht besiegt.»

Der Staat muss zum Schutz seiner Bürger/innen in ausserordentlichen Situationen und Krisenzeiten schnell handeln, kann dabei nicht die langwierigen Wege, wie sonst Entscheide gefällt werden, begehen bzw. abwarten und ist in extremis gelegentlich verpflichtet, Grundrechte einzuschränken. Ich nehme an, dass wir uns da theoretisch einig sind?

(Aus der Schweizer Geschichte: Die Rationierungen von Lebensmitteln während des Zweiten Weltkrieges waren ein solcher Eingriff. Niemand verzichtet so freiwillig auf Butter, Fleisch und Eier. Die Auflage, dass Räume in der Nacht zu verdunkeln waren, gehörten zu solchen Eingriffen, die Kontrolle der Presse und der Kabarett-Szene ebenso. Und gar der General: Ein Mann erhielt Vollmachten, die sonst nur Legislative und Exekutive zusammen hatten.)

Mit ihrer Reaktion auf die Pandemie taten die Regierungen, wozu sie sich verpflichtet fühlten: Die Bevölkerung, vor allem die Schwächsten, zu schützen. Da die Krankheit neu war, mussten Versuchsballons gestartet werden. Und diese gingen extrem weit: Schulen, Restaurants und Einkaufsläden wurden für Monate geschlossen; Gottesdienste in grösseren Gruppen verboten; Maskenpflicht mit untauglichen Masken angeordnet; über 65jährige durften gar nicht mehr einkaufen; Besuche in Altersheimen wurden verboten; Abstandspflicht auf Plätzen und in Pärken; ja im Tessin wurde gar der beliebte Hundespazierweg an der Maggia gesperrt … … das alles war im Rückblick extrem überzogen und verletzte Menschenrechte en masse. Selbst als die vielen angekündigten Toten samt und sonders ausblieben, hielt man daran fest. Immer mehr Politiker/innen spürten Freude an so viel Macht und wollten sie behalten.

(Aus der Schweizer Geschichte: Der Bundesrat wollte nach dem Kriegsende 1945 seine Vollmachten nicht mehr abgeben und konnte erst durch eine Volksabstimmung von 1950 dazu bewogen werden. Bis 1952 behielt er noch einzelne bei!)

Wen wundert es, dass das Vertrauen in Staat und Behörden seit damals zerrüttet ist? Wen wundert es, dass viele seit damals allen möglichen Verschwörungstheoretikern hinterherlaufen? Und was bedeutet es, dass manche sagen: Ein zweites Mal mache ich da nicht mehr mit?

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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