Währen zwei Sommerferien arbeitete ich als Student in einem Aroser Hotel als Chasseur-Concierge. Im ersten Jahr war unter unseren Gästen eine Familie mit einer liebenswürdigen alten Dame; einer «süssen Oma» würde man heute sagen. Doch im zweiten Sommer kam ihre Familie ohne sie. Ich erkundigte mich nach ihr und erhielt die Antwort: «Mama ist nicht mehr.»
Dieser Satz gab mir einen Stich ins Herz. Die liebe Person sollte «nicht mehr sein»; brutal ausgedrückt: «ver-nichtet». Nein, mein christliches Weltbild sieht anders aus. Dank dem Glauben habe ich die Hoffnung, weiterzuleben, in irgendeiner, für mich nicht vorstellbaren Form.
Kommen wir wieder auf die Welt?
In meinem Bekanntenkreis gibt es manche, sonst «rechtgläubige» Menschen, die an eine Wiedergeburt glauben, an die Re-Inkarnation. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2019 glaubt fast ein Viertel der Schweizer Bevölkerung daran.
Ein wiederentdecktes, auch schon biblisches Menschenbild spricht dagegen. Körper und Seele sind danach nicht zwei völlig unterschiedliche, völlig nebeneinander bestehende Wesen. Vielmehr ist der Leib ein beseelter Körper. Er macht den Menschen aus und bildet eine einmalige Persönlichkeit.
Demnach ist es unvorstellbar, dass die Seele nach dem Tod zurückkommt und eine neue körperliche Hülle sucht. Und ausserdem: Wenn die Zahl der Menschen in raschem Tempo wächst, woher kämen dann die Milliarden «recyclten» Seelen?
Fegfeuer: kosmische Folteranstalt?
Für das Leben nach dem Tod kennt die traditionelle Theologie die Lehre von den «Letzten Dingen»: Fegfeuer, Himmel und Hölle. Die Vorstellung eines vielleicht jahrelangen reinigenden Feuers entstammt einem mythischen Weltbild, das für uns fremd geworden ist.
Der aus Ungarn in die Schweiz geflohene Ex-Jesuit Ladislaus Boros entwickelte schon vor über 60 Jahren die Vorstellung, nach dem Tod würde der Mensch im Angesicht Gottes sein ganzes Leben abrollen sehen. Dabei würde er auch erkennen, was er im Leben falsch gemacht hat. Sich damit zu konfrontieren, bedeute einen reinigenden, heilenden Prozess.
Der lange Zeit in Brasilien lehrende, nun in Zofingen lebende Theologe Renold Blank kann darum schreiben, das so genannte Fegfeuer sei «keine kosmische Folteranstalt», sondern ein «therapeutischer Vollendungsprozess der Persönlichkeit». (S. Literaturhinweis am Ende des Artikels)
Himmel für alle
Die Vorstellung eines ewigen Lebens kann uns Hoffnung schenken, uns aber auch verwirren. Bekannt ist das Bonmot des jüdischen Regisseurs und Humoristen Woody Allen: «In der Ewigkeit ist es langweilig; vor allem gegen Ende.»
Ja, wie sollen wir uns ein ewiges Leben vorstellen? Ein Zustand, in dem es weder Raum noch Zeit gibt? Schwierig, da «kein Auge es gesehen und kein Ohr es gehört hat» (1. Korintherbrief 2)!
Die Bibel verheisst uns, wir könnten im Himmel «Gott schauen, den Unvergänglichen». Und viele fragen sich auch, ob sie ihre Lieben wiedersehen werden. Der reformierte Basler Theologe warnte schmunzelnd: «Ja, aber auch die anderen Menschen …»
Ein Bekannter von mir, ein Nichttheologe, stellt sich den Himmel als «totale Kommunikation» vor, ein inniges Zusammensein aller. Und Renold Blank meint sehr konkret: «Was wäre der Himmel für Romeo, wenn er seine Julia nicht wiedersehen könnte?»
Hölle für niemanden
Noch kurz über die Hölle: Der Gedanke, Gott könne jemanden für ewige Zeiten unendlichen Qualen und Verzweiflungen ausliefern, kollidiert mit der Vorstellung von seine Barmherzigkeit. Der designierte Kardinal Hans Urs von Balthasar prägte darum das Wort: Wir müssen an die Existenz der Hölle glauben, dürfen aber hoffen, dass sie leer ist.»
PS. Anregungen für diesen Artikel verdanke ich Renold Blank, einem lieben «alten» Bekannten von mir, vor allem seinem fundierten, leicht lesbaren Buch «Zehn brennende Frage zu Leben und Tod» (Edition NZN bei TVZ, 2020, 144 S.).Dieser Artikel erschien zuerst in: Antonius von Padua. Zeitschrift des Seraphischen Liebeswerks Solothurn.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant