Filmpreis der Zürcher Kirchen: Les Courageux

Das ZFF 2024 war ein Familienfestival – zumindest ist es uns als Jury für den Filmpreis der Zürcher Kirchen so vorgekommen, denn neun der zehn Filme in Wettbewerb drehten sich um Familien. Eine Familie zieht vom Land an den Stadtrand – in der Mongolei – eine andere lebt auf einem Schiff. Eine Regisseurin fragt nach der Gewalt in ihrer Familie, «bis wir alle geheilt sind». Eine Tochter hat einen Gangsterboss zum Vater, ein Sohn ist Polizist und hinterfragt seine tamilische Herkunft, eine Mutter trauert auf ihre Art um das verstorbene Kind, und die Helikopter-Eltern kämpfen um und für ihren gemobbten Sohn, «der einfach lernen soll, was normal ist».

Keine leichte Entscheidung für uns als Jury. Sie ist schliesslich auf «Les Courageux» gefallen, dessen Protagonistin nach dem Leitspruch lebt «nur wer mutig ist, ist frei».

Drei Kinder, von der Mutter angeblich nur kurz allein im Restaurant eines Supermarkt gelassen und dort vertrieben, machen sich auf den Heimweg: «obwohl es weit scheint, ist es immer nur gerade aus». Sie gehen über Wiesen, klettern über Zäune, überqueren sogar die Autobahn, kommen schliesslich an – und schlafen schon, als die Mutter endlich wieder auftaucht. Sie steckt tief in einem Geflecht aus Lügen, Ausflüchten, kleinen Diebstählen und schliesslich echter Kriminalität, alles getriggert von erbarmungsloser Armut und dem Wunsch, den Kindern ein Stück heile Welt zu bieten.

Sie ist die Mutige. Und recht sind ihre Kinder die Mutigen, denn sie ahnen und begreifen durchaus was läuft, und sitzen doch bloss auf dem Rücksitz des Autos, das von der Mutter gesteuert wird. Und auch die Regisseurin war mutig genug, diese Geschichte schnörkellos, fokussiert, ohne Abwege zu erzählen. Eine Geschichte über Armut in der reichen Schweiz, und wie sie Menschen an den Rand der Gesellschaft drängt.

Uns als Jury war klar: diese Geschichte muss erzählt werden. Sie muss erzählt werden stellvertretend für die Geschichten vieler Armutsbetroffener. Sie muss auch den Gästen an der Preisverleihung zum Filmpreis der Kirchen erzählt werden. Und sie muss weiter erzählt werden, wenn sie kommendes Jahr in die Schweizer Kinos kommt. Es wäre mir lieber, wenn diese Geschichte nicht erzählt werden müsste, weil es keine Armut mehr gibt. So aber bin ich froh, dass wir sie mit dem Filmpreis der Zürcher Kirchen auszeichnen konnten.

Tobias Grimbacher

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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