Nach zehn vollen Tagen auf der grünen Insel und vielen Seiten aus Christine Kinealys Buch bin ich doch zu einigen neuen Einsichten gelangt, die ich noch vor der Rückkehr zu den «ordentlichen» Themen hier vorlegen möchte:
1 Klimawandel: Er findet statt, auch hier draussen am Rand des Atlantiks. Die Temperaturen sind nun seit etwa zehn Jahren konstant über dem, was wir früher als klassisch-irisches Klima definierten. Es kann durchaus unangenehm schwül sein in dieser Mixtur aus Salzwasserbrise und Temperaturen über 20 Grad auch noch zu Beginn des Herbsts. Was das für die Herbst- und Wintermonate bedeutet, können wir nur erahnen; wir erlebten zumindest eine Nacht Mitte Monat mit heftigen Winden und massiven Niederschlägen, so dass die kleinen Bäche unheimlich anschwollen. Was überall klimatisch abläuft, trifft auch hier Flora und Fauna, verändert und zerstört.
2 Kolonialismus und Empire: Mit der Balfour-Deklaration von 1917 legte Great Britain ja die Basis für den Nahost-Konflikt, den wir gerade so furchtbar miterleben. Es versprach damals allen alles, und genau darauf stützen sich nun Israeli und Araber. Die Schuld liegt beim Verursacher. Das Wirken des Empire andernorts war ähnlich verheerend, in Indien, Nigeria, Südafrika etc.
In Irland etwa wurde nichts versprochen, sondern brutal unterdrückt (die gälische Sprache, die katholische Tradition, die traditionellen Sportarten). Die katholischen Kleinpächter wurden enteignet, englische Landlords und presbyterianische Kolonisten beschenkt. Gab es Widerstand, wurde bis ins 19.Jahrhundert wacker gehängt und gepfählt (sic!). Wundert sich irgendjemand über die Folgen, die Gewalt der IRA und die Polemik von Sinn Fein? Ich nicht.
3 Der junge Nationalismus: (Ich gestehe, dass ich hier sogar etwas beschämt bin. Im eigenen Land zuhause nämlich ärgere ich mich ja ab und zu, wie etwa in der Landjugend und in der jungen SVP in dubiosen Retro-Träumen und Bildern geschwelgt wird, das Schwingen in seiner Hetro-Machigkeit, das Jodeln, das Beharren auf dem kleinsten Raum.) Und in Irland habe ich mich gefreut: Es sind jetzt die ganz Jungen, so zwischen 18 und 30, die wieder dominant in der gälischen Sprache sprechen und singen, die die alten, damals von den Besetzern verbotenen Sportarten pflegen, ja auf ein Land hoffen, in dem das Gälische Umgangssprache wird. Sinn Fein, die Partei, die während Jahrzehnten den bewaffneten Kampf politisch mittrug, mutiert, wird mehrheitsfähig, wird zur irischen Variante der Abschottung, die wir in ganz Europa erleben. Seltsam.
4 Die katholische Kirche: Sie spielt/e eine unheimliche Rolle im jahrhundertelangen Kampf dieses Volkes um Eigenständigkeit. Lange oszillierte sie zwischen den grossen Mächten England, Frankreich und Spanien und etablierte sich dabei als einziger Garant der Kultur auf der Insel und damit als Anwalt des bedrängten Volkes. Doch dann kam ihre Zeit der (All)Macht und sie machte, was sie überall tat, wo sie das Sagen hat: Sie ergriff mit ihrer prüden Sexualmoral und ihrem Zentralismus nicht Partei für die Kleinen und Bedrängten, sondern diente wieder einmal sich selber, dem System. Pech für sie, dass das erst im 20.Jarhundert geschah, denn mit dem Auffliegen der Missbrauchskrise und der Skandale in den Heimen (die «Magdalenen», die die unerwünschten Kinder der Unehelichen verschwinden liessen) war es um sie geschehen. Sie ist unglaubwürdig, sie ist Vergangenheit, zurück bleiben unzählige Kirchengebäude. Was sagt das uns?
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant