Bestimmt jeder Mensch ist in seinem Leben Worten begegnet, die ihn ermutigt oder getröstet haben. Und jeder kennt Orte, die ihm Kraft schenken. Dazu einige Beispiele aus meinem Leben.
Worte sind längst nicht immer Schall und Rauch. Sicher, es gibt auch unnütze oder schädliche. Aber zum Glück kommt es immer wieder vor, dass Worte etwas, ja sehr viel Gutes bewirken. Sie können dem Leben sogar eine bestimmte Wende geben. Dazu gehören Worte aus der Bibel, aber auch aus Literatur und Musik.
Unter Gottes Schutz
Die Kraft biblischer Worte erfuhr ich im Jahr 2010. Es wurden mir damals drei (!) Krebserkrankungen diagnostiziert. Im Verlaufe eines halben Jahres hatte ich fünf Operationen und dann vier mal vier Tage Chemo-Therapie. Vor allem diese hat mich enorm geschwächt. Wenn ich die etwa 80 Meter von meinem Zimmer im damaligen Krankenstock des Klosters Wesemlin in meine Zelle zurückgelegt hatte, war ich bereits am Ende meiner Kräfte.
Es war mir damals offensichtlich unmöglich, am Chorgebet der Mitbrüder teilzunehmen. Auch für das private Beten der täglichen Psalmen war ich zu schwach. So beschränkte ich mich auf einen einzigen Psalm, den 91. Hier eine Kurzfassung:
«Wer im Schutz des Höchsten wohnt, ruht im Schatten des Allmächtigen. Ich sage zu Gott: Du meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue. Denn er rettet dich aus der Schlinge des Jägers und aus der Pest des Verderbens. Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht, Schild und Schutz ist seine Treue. Fallen auch tausend an deiner Seite, dir zur Rechten zehnmal tausend, so wird es dich nicht treffen. Dir begegnet kein Unheil, deinem Zelt naht keine Plage.
Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stösst. Weil er an mir hängt, will ich ihn retten. Ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er zu mir, gebe ich ihm Antwort. In der Bedrängnis bin ich bei ihm, ich reisse ihn heraus und bring ihn zu Ehren. Ich sättige ihn mit langem Leben, mein Heil lass ich ihn schauen.»
Diese zutiefst vertrauensvollen Worte gaben mir Kraft und Zuversicht. Ich weiss aus der Literatur, dass sie schon viele andere Menschen ermutigt haben. Sie eröffnen neue Perspektiven der Zukunft und des Lebens.
Keine Angst
Wie erwähnt, können auch Worte aus dem kulturellen Umfeld aufrichten. Dazu gehört etwa Goethes Satz «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Oder der etwas saloppe Spruch eines Unbekannten: «Was uns nicht umbringt, macht uns stark.»
Sehr angesprochen und ermutigt hat mich Mitte der 1980er-Jahre ein Lied des bayerischen Sängers Konstantin Wecker. Ich war damals in einer schwierigen Situation. Zwar kannte ich Wege, um herauszukommen. Doch ich hatte wegen den möglichen Konsequenzen Angst, sie zu begehen.
Aus heiterem Himmel, beim Händewaschen vor dem Spiegel, in dem ich mein besorgtes, ängstliches Gesicht sah, fiel mir Weckers Liedstrophe ein: «Freiheit! Das heisst keine Angst vor nichts und Niemandem.» Und für jene, welche die Fremdsprache Bairisch verstehen, die noch schöner tönende Urfassung: «Freiheit! Des hoasst koa Angst ham vor nix und Neamand.»
Meine Angst war durch das Lied zwar nicht ganz verschwunden. Aber ich wiederholte öfters den Refrain und fühlte mich befreiter.
«Eine blinde Sau …»
Bevor wir uns kurz mit Kraftorten befassen, eine Zwischenbemerkung: Ausser dem Vorbild spielen Worte in Erziehung und Schule eine wichtige Rolle. Da wurde in der Vergangenheit, an die viel von uns sich erinnern, viel «gesündigt». Wie oft hatten Schüler und Schülerinnen hören müssen: «Das lernst du nie!» Statt: «Du kannst es. Versuche es!»
Dazu fällt mir ein Beispiel ein aus meiner Zeit im Gymnasium. Im Fach Physik hatte ich Mühe. Ausserdem war mir mein Lehrer nicht gerade gut gesonnen. Wir mussten im Unterricht ein Mikroskop bedienen. Es gelang mir eine sehr gute Einstellung. Dazu der Lehrer: «Eine blinde Sau hat eine Eichel gefunden.» Und ich hatte weiterhin die Idee verinnerlicht, ein schlechter Physikschüler zu sein statt dank dem Erfolgserlebnis an meine Fähigkeiten zu glauben. Übrigens: Die Psychologie spricht hier von «sich selbst erfüllenden Prophezeiungen». Davon gab und gibt es nicht wenige.
Kraftorte
Vor etwa 40 Jahren bekam die Rede von «Kraftorten» eine Hochkonjunktur. Der dabei verwendete Begriff «Bovis-Einheiten» wurde von vielen als esoterisch belächelt. Doch viele Menschen, die einen in Büchern und Artikeln beschriebenen Kraftort besuchten, hatten eine spürbare Erfahrung von dieser Art Lebensenergie. Dazu gehören Höhlen und Kirchen, vor allem solche, die auf einer heidnischen Kultstätte entstanden sind.
Ich lehne den Begriff «Bovis-Einheit» zwar nicht ab. Doch ich brauche ihn nicht, um persönliche Kraftorte zu finden. Dazu gehört für mich in besonderer Weise das Dörfchen Loutro im Süden der Insel Kreta. Es ist nur mit Fähren und Booten zu erreichen. Noch vorletztes Jahr lehnten die weniger Bewohner den Bau einer Strasse dorthin ab.
Sie fürchteten um die Ruhe ihres einstigen, sehr kleinen Fischerdorfes, das still in einer wenige Hundert Meter breiten Buch liegt. Etwa 200 Meter darüber liegt auf einer verlassenen Hochebene eine Festung aus der venezianischen Zeit. Es gibt sogar Menschen, denen die dort stationierten Soldaten erschienen sind.
Auch ohne Erscheinungen: Man fühlt sich in Loutro in einer anderen Welt, weitab von der Hektik. Und was gibt es Schöneres, als auf der Bank vor einer byzantinischen Kirche liegend die Milchstrasse zu meditieren. Dabei spürt man, wie mein Freund Rolf sagen würde: «Intergalaktisch gesehen relativieren sich unsere Probleme.»
Erstmals erschienen im Steinhofblatt, Pflegeheim Steinhof, Luzern
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant