Das metaphysische Gruseln und die AKW

Ich schalte meinen Computer ein, um diesen Artikel zu schreiben. Weil es schon eindunkelt, zünde ich das Licht an. Beides braucht Strom. Dass dieser bloss aus der Steckdose kommt: Daran glaubt heutzutage kaum mehr jemand. Woher denn: In der Schweiz wird ein Drittel bis zur Hälfte in Atomkraftwerken aus Uran Energie erzeugt.
Und nun kommt, wie Mani Matter sagen würde, das metaphysische Gruseln ins Spiel. Denn der Atommüll verschwindet nicht einfach wie mit einem Zauberstab. Er bleibt, und zwar undenkbar lange Zeit. Auch in einer Million Jahren bleibt wegen der langen Halbwertszeit noch etwas davon übrig; etwas, das immer noch gefährlich ist (Halbwertszeit: Zeitraum, in dem die radioaktive Strahlung auf die Hälfte abklingt).
300’000 Jahre
Kürzlich wurden in der marokkanischen Wüste Knochen des Homo Sapiens gefunden, also des Typ Menschen, wie wir es sind. Sie sind rund 300’000 Jahre alt. Können wir uns vorstellen, wie die Welt damals aussah? Was wäre, wenn der damalige Mensch in einer Höhle eine hoch giftige Substanz vergraben hätte, die allmählich ans Tageslicht kommt und mit der wir nicht umzugehen wissen.
Nun wieder zur Radioaktivität: «300’000 Jahre ist die geschätzte Dauer, während der hochradioaktive Abfälle aus Kernkraftwerken eine grosse Gefahr für Mensch und Umwelt bedeuten, ja für die ganze Biosphäre. Denn so lange dauert es, bis die Radioaktivität der Abfälle auf das Niveau natürlich vorkommender Stoffe abgeklungen ist.» (Ester Banz)
1 Mio Jahre
Und eben: Einige Abfallprodukte der heutigen AKW, die mir Licht und Energie für den PC liefern, bleiben aber noch viel länger gefährlich. Deshalb verlangt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI die sichere Verwahrung für eine Million Jahre.
Wer kann sich diesen Zeitraum vorstellen? Und wer von der dannzumaligen Menschheit – falls es sie überhaupt noch gibt! – kann sich vorstellen, was Atommüll ist? Auch wenn wir eine Gebrauchsanweisung hinterlassen könnten, wer garantiert, dass sie verstanden wird?
Darum gibt es nur eins: Abschied von den Atomkraftwerken. Und ich bin versucht, theologisch zu werden und zu schreiben, wir hätten uns mit ihnen schon lange genug gegenüber den kommenden Generationen «versündigt».
«Saubere» Energie?
Und zur angeblich «saubern» Atomkraft. Wenn man die Belastung für die künftige (Um)Welt berücksichtigt, sind sie alles andere als vorbildlich. Dazu errechnet der Bund die Umweltbelastungspunkte UBP. Die Atomkraft kommt dazu auf 675 Punkte, die Windkraft beispielsweise auf bloss 77.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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