Wie Faschismus beginnt

Die Ergebnisse der Europawahlen müssen Anlass sein, über den neuen Faschismus nachzudenken. Denn was 1932/33 in Deutschland passierte, ist nicht Dystopie, ist nicht Science-Fiction, sondern war ja blanke Realität. Eine faschistisch-populistisch-antidemokratische Partei schaffte es, ohne absolute Mehrheit eine Diktatur zu errichten. Dazu bedurfte sie dreierlei: unzufriedene Massen, die den Regierenden nicht trauten; eine wirtschaftliche Notsituation; ein Nationalismus, der sich vor dem/den Anderen fürchtete. Und diese Ingredienzien sind immer wieder möglich.

Der Ausgangspunkt

Das folgende Zitat ist schwer erträglich, darum muss es doppelt und dreifach als solches angekündigt werden. Ansonsten dürfte ein solcher Text auf einer Seite von kath.ch nicht zugelassen werden.

Also das Zitat:
«Du Nigger, Schwuler, Türkenarsch, wirst einfach überrannt.
Wir hassen diesen Staat, wir lieben dieses Land.
Doch du bist diesen Tritt nicht wert, der dir in den Magen fährt.
Unsere Messer sind gewetzt, wenn du gegen Deutschland hetzt.»

(Refrain eines Musikstücks aus der rechten Rock-Szene Deutschlands, dokumentiert in der ARD-Serie von 2016 zum NSU.)

Dieser Text wird in der deutschen Neonazi-Szene mit Inbrunst von meist jungen weissen kahlrasierten Männern mitgebrüllt. Die übrigen Zeichen und Zitate werden dabei nicht fehlen. Nirgendwo in Deutschland ist diese Szene so gut vertreten wie in einigen östlichen Bundesländern, in denen die AfD soeben über 30 Prozent der Wählerstimmen erreicht hat. Im Bundesland Thüringen etwa tritt sie nun mit einem Spitzenkandidaten an, der einst als Geschichtslehrer (!) am Gymnasium tätig war und sich mit Gesinnungsfreunden aus der rechten Szene umgibt.

Aus Schweizer Sicht zunächst alles unbegreiflich und ungeheuerlich. Als Sohn von Aktivdienst-Eltern, die damals mit grosser Überzeugung antifaschistisch, prowestlich und Israel-freundlich gesinnt waren, bin ich froh, dass sie dies nicht mehr anhören und lesen müssen.

Der Blick nach innen

Doch dann werde ich nachdenklich. Ich lese etwa bei der «Jungen Tat» Schweiz folgendes:
«Erhalt der Identität und Freiheit des Schweizer Volkes! Die ethno-kulturelle Identität eines Volkes ist das Fundament einer jeden freien Nation, deshalb gilt es diese Identität vor Angriffen von innen und aussen zu schützen. Massive Zuwanderung und Islamisierung bedrohen unser Volk und treiben den Bevölkerungsaustausch in unserer Schweiz … Wir fordern eine starke, patriotische Leitkultur, welche traditionelle und immerwährende Werte, wie Familie, Ehre, und Nationalstolz vermittelt und fördert.«

Und ich lese weiter:
«Männliche Qualitäten dagegen werden als toxisch gebrandmarkt. Durch die liberale Gender-Ideologie werden männliche Attribute wie Stärke, Ehre, Väterlichkeit negativ konstituiert. Durch sexuelle Enthemmungen und das Konsumieren von Pornographie wird das Erwerben von Charakterstärke stets schwerer. Die Gender-Ideologie suggeriert, dass es unendlich viele «Genders» ausserhalb der normativen Geschlechter gibt. Dogmatiker differenzieren zwischen dem sexuellen- und dem biologischen Geschlecht, sehen aber keinen Zusammenhang zwischen jenen. Es gäbe keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, doch was sind überhaupt Geschlechter? Jeder könnte Alles sein. Der schädlichen Gleichmacherei der Linken & Liberalen sind keine Grenzen gesetzt. Egalität im Absurdum.«

Und so werde ich nachdenklich. Denn: Die grösste Partei unseres Landes, die zwei ehrbare Bundesräte stellt, tat und tut sich immer wieder schwer mit der Distanzierung von solchen Kreisen. Mit ihren Parolen und Plakaten der letzten dreissig Jahre hat sie nichts unversucht gelassen, um alle rechten bis rechtsextremen Positionen einzubinden. Und ich frage mich ab und zu, was denn einen deutschen Faschismus von einem Deutschschweizer Faschismus unterscheidet. Und dieser Satz «Wir hassen diesen Staat, wir lieben dieses Land" – tönt es nicht auch bei uns ab und zu so? Darum: Wie weit würden Sie denn gehen (»Tritt in den Magen«, «gewetzte Messer«), Herr Dettling, Herr Aeschi, Frau Friedli Brunner, Frau Rickli? (Herr Glarner brauchen wir vermutlich nicht zu fragen…)

Ein besorgter Bürger und Mit-Eidgenosse


Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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