Ich kehre – auch mit Wieder-Aufschaltung der Kommentarfunktion – zum Thema der letzten Monate zurück und versuche eine Art von Synthese oder eben Conclusio, je nach Verwendung der Termini:
Die Kirche in der deutschen Schweiz, die jetzt ihre «Bedeutung» verliert, die eben «bedeutungslos» wird, ist ja nicht die «eine heilige» Kirche des Apostolicums, sondern eine ganz spezifische, kulturell und historisch gewachsene, Kirche Mitteleuropas. Während Jahrhunderten prägte sie (Österreich und Süddeutschland können zu grossen Teilen mitgedacht werden) das Gesicht dieses Teils des Kontinents, ihre Klöster und Basiliken, ihre Elite-Internate und Universitäten, ihre Kunstproduktion in Malerei und Architektur, ihre führenden Köpfe in Politik und Wirtschaft. Es wäre grundfalsch, diese Entwicklung und Epoche als «Verirrung», als «blasphemisch» oder als «nicht apostolisch» zu brandmarken, die Entwicklung erfolgte nicht revolutionär, sondern harmonisch eingefügt in Landschaft, Volkskultur und und Mentalität. Doch ein Ursprung des Christentums musste so natürlich verloren gehen: die Idee einer «provisorischen», einer wandernden, nicht Stabilität schaffenden Gemeinschaft, die der apokalyptische Prediger aus Galiläa wohl hatte. Doch die Zeit hatte zwischen 30 und 313 n.Chr. ja auch gedreht: Das Imperium Romanum fand so in Europa einen würdigen Nachfolger: den christlichen (im Idealfall: den katholischen) Staat. Den Staat der Habsburger und den der Bourbonen, den Kirchenstaat der Päpste, die anglikanische Staatskirche, sogar den lutherischen Untertanenstaat Bismarcks, und eben auch die «Landeskirchen» in der Deutschschweiz…
Nichts zeigt dies besser als der brutale Kontrast zwischen den Antithesen Jesu in der Bergpredigt und der Realität, die die neue(n) Staatskirche(n) schuf(en): Nun wurde wacker geschworen, auf den Staat, auf den Landesherrn, auf die Bibel. Nun wurde Gewalt legitimiert, sowohl im Namen des Staates wie der Kirche. Und: Das Geschick der Vögel des Himmels und der Blumen des Feldes genügte nicht, die Kirche häufte Reichtümer an, profitierte grosszügig von Erbschaften, wurde mächtiger und mächtiger, bis eine neue Zeit an die Tür klopfte und in Frankreich die Guillotinen fielen.
Es kamen Neuzeit, Liberalismus, Demokratie: So eine Kirche war und ist in der säkularisierten Neuzeit nicht mehr überlebensfähig; sie war zwar lange notwendig für die Stabilität von Staat und Gesellschaft, doch mit der Aufklärung schwand ihr Einfluss, sie verwickelte sich in Rückzugsgefechte, verlor diese, trötzelte und drohte, wurde nicht mehr ernst genommen, und so verbandelte sie sich (gerade in der katholikalen und der evangelikalen Variante) dann immer mehr mit den Gegnern der offenen Gesellschaft und ging in eine trostlose Opposition (von der Huonders Beerdigungsort zeugt). Aber nochmals: diese Kirche ist ja auch nicht die Idealform und der Idealfall dessen, was der Religionsgründer wohl im Sinn hatte. Sie ist/war eine Variante: Kirche mit Machtanspruch statt machtlose Kirche. Man erlaube mir den bösen Kommentar, dass wohl schon lange die verfemten Minderheiten, die Täufer, die Waldenser, die Quäker … eher beim Ursprung lagen.
Also denn, liebe Freunde/innen: Was heisst denn hier «bedeutungslos»? Wir werfen den Ballast ab, der uns an uns klebte und uns träge und selbstzufrieden machte. Keine Staatskirchen mehr, keine Kirchensteuern mehr, keine Feldprediger, keine christliche Indoktrination der Eliten und der Kinder und Jugendlichen. Dafür mehr «Reich Gottes und seine Gerechtigkeit». Wir könnten uns freuen statt zu klagen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/conclusio-zur-bedeutungslosigkeit/