Als Synodalrat darf ich von Zeit zu Zeit die Veranstaltungen des Zürcher Forum der Religionen besuchen. Das Zürcher Forum der Religionen führt jedes Jahr eine Veranstaltungsreihe durch, in der zu fünf Veranstaltungen aus den fünf Weltreligionen eingeladen wird. Die Abende in diesem Jahr handeln «vom Anfang der Welt». Am vergangenen Dienstag fand der Eröffnungs-Anlass in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRG) statt, und war mit etwa 50 Interessierten ausgebucht. «Am Anfang war das Wort»:
Referentin Mirjam Treuhaft führe die Anwesenden gekonnt durch die Schöpfungserzählung von der Erschaffung der Welt und der Menschen, mit der die Tora (und damit auch die christliche Bibel) beginnt. Dabei zeigte sie immer wieder, wie das Wort der Schrift und ihre eigene Lebenspraxis (beispielsweise und stellvertretend für die Lebenspraxis ihrer Glaubenstradition) einen inneren Bezug zueinander haben, wie Schrift und Leben sich ergänzen, wie sich biblisches Wort und heutige Lebenswirklichkeit bereichern.
Inhaltlich sind mir zwei Aspekte in besonderer Erinnerung geblieben: Zum einen das Tohuwabohu («äs Gnusch», ungeklärt und ungeschieden), das vor der Schöpfung war und aus dem Gott alles schaffen konnte, was immer er wollte. Mit die christliche Übersetzung «wüst und leer» ist dieses Tohuwabohu nur unzureichend übersetzt. Persönlich schätze ich seit langem die lautmalerische Übersetzung von Buber/Rosenzweig: Irrnis und Wirrnis.
Und zum anderen der Siebte Schöpfungstag, an dem Gott nicht einfach nur ausruht, sondern an dem die Schöpfung an ihr Ziel gekommen ist und Gott sieht, dass alles sehr gut ist. Das traditionelle Judentum leitet daraus ab, dass man am Schabbat keine schöpferische Tätigkeit verrichten darf. Mirjam Treuhaft machte mit einem Bund praktischer Beispiele klar, dass dies eben kein belastendes Verbot ist, sondern dass es das Leben ganz praktisch bereichern kann, wenn man z.B. jede Woche für 24 Stunden offline ist, digital detox, um sich auf das pure Dasein einzulassen, für einmal kein Ziel zu verfolgen ausser zu sein.
Der zweie Anlass zum «Ursprung der Welt zwischen Mythos und Wahnsinn» aus buddhistischer Perspektive ist bereits ausgebucht. Unter anderem für den Abschlussabend «Vollkommende Welt» zur Schöpfungsgeschichte im Islam sind noch ein paar Plätze frei. Bereits diese Titel zeigen, dass die verschiedenen Religionstraditionen sehr unterschiedlich auf den Anfang der Welt schauen – und damit auch auf die Schöpfung, die uns umgibt. Das Zürcher Forum der Religionen will diese unterschiedlichen Perspektiven aufzeigen, bewusst machen und miteinander ins Gespräch bringen. Auch di Veranstaltungsreihen der nächsten Jahre sollen sich mit Fragen der Schöpfung befassen. Ich bin gespannt!
Tobias Grimbacher
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant