Kirche in Schweden

In meinem letzten Artikel habe ich etwas davon erzählt, wie katholische Kirche hier lebt. Als eine Multikultikirche, im Begriff zu wachsen und mit einem gesunden Selbstbewusstsein. All das in einem Land, das gerne als das meist säkularistierte Land bezeichnet wird. Im Gespräch mit katholischen Seelsorgern und Seelsorgerinnen habe ich versucht heraus zu finden, welche Rolle die Schwedische Kirche, die bis zum Jahr 2000 Staatskirche war, spielt und gespielt hat. Übereinstimmend sagten mir die Seelsorger, dass die Schwedische Kirche nicht zu vergleichen sei mit dem was wir uns unter Kirche vorstellen. Es sei vielmehr ein «Departement» des Staates gewesen, das die Einwohnerregister führte und das Bestattungswesen ordnete. Die Kirche versuche sich auszudrücken durch eine sogenannte «hochkirchliche» Liturgie. In dieser ist der Ablauf aufs Wort genau geregelt und eher mit einem -im besten Sinne des Wortes- «Schauspiel» zu vergleichen als mit einer aus dem Glauben genährten Feier. Ich habe bei den Gesprächen gemerkt, dass die Leute der Schwedischen Kirche nicht das «Kirchesein» absprechen wollten, aber dennoch klar machten, dass es mit unserem Kirchenverständnis wenig tun hat. Ich war ein bisschen ratlos. Bis ich dann auf eine ganz neue Studie «Medlem 2010» traf, welche die Schwedische Kirche selber lanciert hat. In den Medien wurde die Studie mit dem Titel «Schwedische Kirche: Kein Rückhalt in der Bevölkerung» vorgestellt. Erstaunlicherweise besagt sie Folgendes: Nur 15 % der Mitglieder der schwedischen Kirche glauben an Jesus. 15% geben an Atheisten zu sein und 25% bezeichnen sich als Agnostiker. Von den 6,6 Millionen Mitgliedern sind lediglich 400’000 Kirchgänger. Viele Mitglieder sind nicht wegen des Glaubens, sondern vielmehr wegen des sozialen Engagement der Kirche weiterhin Kirchenmitglied. Diese erstaunlichen Ergebnisse verwundern nicht, wenn man die Entwicklung der Säkularisation in der schwedischen Kirche nachvollzieht. BIs 1996 wurde fast jeder schwedische Bürger und jede Bürgerin Mitglied der schwedischen Kirche, ohne je getauft zu sein. Der Kommentar der Bischöfin von Stockholm zum Ergebnis hat mich dann gerade noch einmal nachdenklich gestimmt. Sie meinte, die Zahlen seinen nicht beängstigend, da man für alle offen sein wolle. Und ich frage mich, sind wir als katholische Kirche nicht auch offen für alle? Und ist es nicht so, dass es irgendwie «Basics» geben muss, um eine Gemeinschaft zusammen zu halten? Die Suche nach dem Sinn des Lebens und das religiöse Verlangen, sie sind da. Menschen sind auf der Suche und scheinbar kann die katholische Kirche in ihrem Vollzug des Glaubens (im Feiern und Leben) so Zeugnis geben, dass sich Menschen angesprochen fühlen. Wenn man diese Rahmenbedingungen in der schwedischen Gesellschaft beachtet, kann man vielleicht ein bisschen besser verstehen, warum die katholische Kirche im Wachsen begriffen ist. Sie schafft es, den Menschen Nahrung zu geben in ihrem Hunger nach dem Sinn des Lebens und auf der Suche nach Gott.

Sibylle Hardegger

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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