Katholisch sein im Norden heisst, dass man zu einer sehr kleinen Gruppe gehört. Ca. 1.4 % der Bevölkerung in Schweden gehört der römisch-katholischen Kirche an. Wir leben hier also in der tiefsten Diaspora! Das Bistum Stockholm umfasst ganz Schweden, und wird vom Diözesanbischof Anders Arborelius geleitet. Ihm zur Seite stehen 158 Priester, davon 81 Diözesanpriester und 77 Ordensmänner. Die Orden spielen hier in Schweden eine bedeutende Rolle. Ich werde noch davon berichten. In der Seelsorge helfen zudem an vielen Orten Ordensschwestern mit. Pastoralassistenten – oder Assistentinnen gibt es hier nicht, glaube ich jedenfalls. Ich habe noch keineN getroffen…Es gibt in Schweden 43 Katholische Pfarreien. Ich selber gehöre zur Pfarrei St.Lars in Uppsala. Heute allerdings bin ich nach Stockholm in die Kathedrale gefahren, um dort das Fronleichnamsfest mitzufeiern. Mein Zug kam etwas knapp an und dann musste ich noch ein Stück mit der U-bahn fahren. Ich wusste nicht ganz genau, wo sich die Kathedrale befindet, aber die bunte Schar, die mit mir aus der U-Bahn ausgestiegen ist, führte mich unweigerlich dorthin: Afrikaner und Afrikanerinnen in ihren bunten Festtagsgewändern. Die Kirche war gut gefüllt und mit vielen Fahnen und Standarten geschmückt. Ein deutscher Chor war zu Gast und gestaltete mit gregorianischem Choral und Motetten die Messe. Leider verstehe ich noch nicht so viel Schwedisch als dass ich der Predigt wirklich folgen könnte. So nützte ich die mir geschenkte Zeit und beobachtete (sehr diskret – versteht sich!) die Gottesdienstbesuchenden. Dabei fällt zunächst auf, dass das Durchschnittsalter deutlich unter 50 Jahren liegt. Viele junge Leute kommen zum Gottesdienst, viele Familien und junge Paare. Als Zweites sticht einem das Multikulturelle entgegen. Die Afrikaner habe ich schon erwähnt. Es gibt viele Inder, Tamilen, Polen, Kroaten…naja und mindestens zwei Schweizer. Der Hauptzelebrant Mgr Emil Tscherig, Apostolische Nuntius in Skandinavien, und ich. Auch Ordensfrauen in vielen verschiedenen Habits machte ich in der Gottesdienstgemeinschaft aus. Nach der Kommunion und dem Schlussgebet formierte sich der Prozessionszug für die Fronleichnamsprozession. Sie führt uns durchs ganze Quartier vorbei an vielen Cafes und Bars, die bei diesem Wetter herausgetischt haben und gut besetzt sind. Viele der sonnenhungrigen Cafe- und Barbesucher schauen uns fragend an als wir mit «Pauken und Trompeten» – besser gesagt mit der Posaunenbläsergruppe voraus, singend vorbei ziehen. Auf einem Platz machen wir Halt, der Nuntius stellt das Allerheilgste unter den Himmel und wir beten und singen, empfangen den eucharistischen Segen und ziehen weiter durch die Strassen Stockholms. «Katholische Manifestation» geht mir dann plötzlich durch den Kopf. Ja, es ist das, was ich hier in Schweden seit meinem ersten Tag erlebe. Man ist gerne katholisch, spricht davon und hält die Tradition hoch. Man lässt sich nicht zurück drängen in die Sakristei, sondern zeigt sich selbstbewusst auch in der Öffentlichkeit. Ich meine das nicht nur bezogen auf die Fronleichnamsprozession. Irgendwie ist das wohl auch nötig, um so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln zu können – wo wir doch nur gerade 1.4% der Bevölkerung ausmachen. Und noch etwas ist mir von Anbeginn aufgefallen: Die katholische Kirche in Schweden ist eine Kirche der Immigranten. Mindesten 50 Nationen vereint sie unter einem Dach. In meiner Pfarrei gibt es Gottesdienste in Schwedisch, Englisch, Kroatisch, Spanisch, Polnisch und Arabisch (in verschiedenen Riten). Und das nicht einfach einmal im Quartal, sondern wöchentlich (oder monatlich). Und ein Drittes, was ich heute noch berichten will. Es gibt hier so etwas wie ein Bischofsvikariat für Konversionen. Viele Menschen sind hier auf der Suche nach einer religiösen Heimat. Vielen wird die katholische Kirche zur Heimat. Allein im letzten Jahr sind 122 Menschen zur katholischen Kirche konvertiert. Und immer wieder treffe ich auf Leute – Laien, Ordensfrauen und Priester- die mir erzählen, dass sie Konvertiten sind. So auch Bischof Anders Arborelius.
Sibylle Hardegger
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant