Das gibts dann auch: Gleichzeitig braver Oberministrant an der Kathedrale zu sein, das Gesamtkunstwerk der Katholizität zu geniessen, sich wohl zu fühlen in dieser geistig-ästhetischen Heimat und – gleichzeitig, nicht einfach so nebenbei – als Gymnasiast der jungen 70er Jahre kritisch denken zu lernen, dank mehrheitlich aufgeschlossen liberalen Lehrern von Fächern wie Deutsch, Geschichte, Latein, Englisch, Philosophie.
So die geistigen und emotionalen Qualen der katholischen Sekundarschule, die in St.Gallen so hoch verehrt wurde und wird (en passant gesagt: Was Niklaus Meienberg, der am selben Orte Ähnliches wie ich aus Klerikerhand und -mund erlebte, dazu schrieb, stimmt, leider …), zu überwinden und zu vergessen. Ich verdanke der Kantonsschule St.Gallen sehr vieles: Eigenständig denken lernen und denken können, sich geistig wehren lernen und wehren dürfen, akzeptiert werden mit einer anderen Meinung, wenn sie nur fundiert genug ist.
Ein guter Startort, um dem katholisch totalitären System, das sich im Verlauf der Jahre zunächst ganz langsam und ab 1978 immer rasanter hinter dem Gesamtkunstwerk zu erkennen gab, zu widerstehen. Ach ja, es gab auch Religionslehrer an der Kanti, und die waren eben auch liberal, aufgeschlossen und menschenfreundlich: Niklaus Knecht und Klaus Spichtig (wo immer Du jetzt sein mögest und am Klavier improvisierst). Wegen ihnen habe ich mir das mit der Theologie überlegt. Wie das dann endete, dazu erst später wieder an diesem Orte.
PS: Über diese Jahre gibts auch ein Büchlein mit Erzählungen. Doch das erscheint erst, wenn meine Mama es nicht mehr lesen kann/wird …
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant