In angemessener Distanz zum Ereignis kann nun der Hirtenbrief des St.Galler Bischofs Markus Büchel und die Reaktionen auf ihn in der St.Galler Presse kommentiert und zugeordnet werden. Es war ein kluger Schachzug des Bischofs, einerseits seinen Vorgänger Ivo Fürer mit dessen Analyse der momentanen Verfasstheit der Kirche in Mitteleuropa (»heraus aus dem Treibhaus des innerkatholischen Ghettos in den frischen und manchmal heftigen Wind der modernen Gesellschaft» – von Bischof Ivo in den letzten Jahren immer wieder zitiert und weiterentwickelt) unter dem Titel «Kirche sein unter offenem Himmel» aufzugreifen, andrerseits aber eine klare Gegenposition zu seinem kirchen- und staatskirchengeschirr-zerscheppernden hilflosen Kollegen in Solothurn einzunehmen. Der Hirtenbrief fand so im zweiten Teil mit der Analyse des dualen Systems nicht jedermanns/fraus Gefallen, bezog Bischof Markus mit folgenden ungeänderten Zitaten doch sehr deutlich Position:
a) «Es ist für mich und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Bestätigung, dass die staatskirchlichen Behörden ihre Aufgaben in echter kirchlicher Mitverantwortung sehen und wahrnehmen und die Erfordernisse des katholischen kirchlichen Rechts achten.»b) «Ich bin dankbar, dass im Bistum St.Gallen und auch in der Apostolischen Administratur beider Appenzell das duale Kirchensystem … so vorbildlich funktioniert.»c) «Wenn ein Katholik aus der Kirchgemeinde austritt, dann verletzt er auch die kirchliche Gemeinschaft und die gebotene Solidarität unter den Gläubigen.»d) «Auch wer sich von den staatlichen Kirchensteuern befreit, bleibt aufgrund der Taufe weiterhin Mitglied der katholischen Kirche und ist nach kirchlichem Recht verpflichtet, die kirchliche Gemeinschaft materiell zu unterstützen.»
So ist auch klar: Es wird nicht einfach beim Status quo bleiben. Die staatskirchlichen Behörden sehen sich ermutigt, ein eigenes kritisches und doch die St.Galler Kirchenleitung unterstützendes Gegengewicht zu undemokratisch zentralistischen (vom Schreiber auch «neo-ultramontanistisch» genannt!) Strömungen in der Weltkirche darzustellen. Und die Pfarrämter werden beginnen, Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, Einzahlungsscheine mit Begleitschreiben zuzustellen und auf ihre Verpflichtung zur Solidarität auch in Distanz hinzuweisen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant