Oper-Weihnachten

Zur Belohnung nach allen (Vor)Arbeiten um Advent und Weihnachten zwei Opernbesuche innerhalb einer knappen Woche. Die Premiere von «Carmen» in St.Gallen und die Stefanstag-Aufführung von «Il trovatore» in Zürich. Es sei eingestanden: Diesmal hatte das «grosse» Haus mit seinen fast unerschöpflichen materiellen Reserven sehr deutlich die Nase vorne. Die Aufführung war schlechthin Weltklasse. Leo Nucci (Conte), Marcelo Alvarez (Manrico) und vor allem Luciana d’Intino (Azucena) waren grossartig, bei Cristina Gallardo-Domas in der extrem schwierigen Partie der Leonora waren Abstriche nur bei den eher virtuosen Teilen zu machen, da vibrierte etwas viel. Die Inszenierung von Giancarlo del Monaco bemühte sich um Zeitlosigkeit, schaffte dabei auch einzelne aktuelle Bezüge, aber hinderte die Sänger/innen nicht, ihre Rollen angemessen zu interpretieren. Nicht vorstellbar, wie schrecklich das ausgegangen wäre, hätte man einen Wüterich wie Konwitschny oder Kusej über das Stück herfallen lassen!In St.Gallen war die Inszenierung das mit Abstand Beste. Opernchefin Franziska Severin war selber am Werk, versetzte die Handlung irgendwo in die Zeit, als die Bilder laufen lernten und lieferte eine intelligente Erklärung der Entwicklung der Titelrolle. Bei der Besetzung aber war vieles mangelhaft. Javier Palacios vermochte als José zu überzeugen, neben ihm aber ging vieles schief. Angela Fout (Micaela) durch das Kostüm zur Witzfigur degradiert, Mary Ann McCormick (Carmen) als Grande Dame, statt als Emotionshaufen und schliesslich ein wüst scheppernder Angelo Veccia als Escamillo. Traurig, traurig sinnierte ich dem Jahrhundert-Traumpaar Baltsa-Carreras nach.Und die Moral von der Geschicht: In der Provinz ständig Sensationen erwarte nicht.

Heinz Angehrn

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