Darf man in diesen Tagen, in denen die Missbrauchsstudie erschienen ist und überall thematisiert wird, einen solchen Blog-Eintrag machen, ohne näher darauf einzugehen? Ich denke schon. Diese Studie und ihre Nachfolgestudie sind wichtig, Aufarbeitung, Anerkennung der Betroffenen, ein Ende der Vertuschung und die richtigen Konsequenzen daraus sind immens wichtig und werden uns in den nächsten Jahren weiter beschäftigen. Hier entscheidet sich die Zukunft der Kirche – und auch an anderen Stellen.
Anfang der Woche stellte der rkz Fokus die Frage nach «Neuen Träumen für alte Kirchenräume». Auch der Schweizerische Kirchenbautag am 1. September beschäftigte sich mit der Zukunft unserer Bauten. Wir in katholisch Zürich mussten für einmal feststellen, dass andere schon viel weiter sind, mit Überlegungen und mit Erfahrungen. Vielleicht weil wir nicht über die Jahrhunderte viele Altbauten ansammeln konnten – aber vielleicht sind wir auch einfach hintendran. Und natürlich haben wir als Kantonalkirche eine doppelte Distanz zum Thema, weil die meisten kirchlichen Gebäude nicht uns gehören und auch nicht den Kirchgemeinden, sondern den Pfarrkirchen-Stiftungen. Diese müssen massgeblich mit-entscheiden.
Kirchen sind identitätsstiftend. Im besten Fall ist die Kirche ein Stück Heimat, und das gilt auch und gerade für das Bauwerk. Nicht umsonst spricht der Volksmund vom «eigenen Kirchturm» und davon, dass man «die Kirche im Dorf lassen» soll. In vielen Kirchgemeinden in Zürich leben noch Menschen, die die Gründung der Kirchgemeinde, den Bau der Kirche miterlebt haben. Darunter gibt es natürlich Kirchen, die vor allem für eine inzwischen stark gealterte Gründergeneration identitätsstiften sind. Die Frage, was es an diese Orten braucht, ist vielleicht in einigen Jahren neu und anders zu bewerten. Andere Kirchen sind unverzichtbar wichtig auch für diejenigen, die täglich daran vorbei gehen, und nie hinein. Ohne den Kirchenbau wäre der Ort ein anderer.
Eigentlich sind Kirchen ja in erster Linie als Orte gottesdienstlicher Begegnung gedacht. Die Frage, was man daraus macht, ist also konsequenterweise die Frage, wie sie ein Ort von Begegnung bleiben können, vielleicht auch in ganz anderer Form. Was fehlt einem Dorf oder einem Quartier, damit es belebter wird, damit Menschen zusammenfinden, damit Heimat ist? Ich glaube schon, dass kirchliche Räume für viele Aktivitäten Platz geben können, die dem Geist und Auftrag Jesu entsprechen, obwohl sie nicht von der Kirche selbst gemacht werden. Dabei könnte es von mir aus auch sein, dass aus der Kirche eigentlich etwas anderes wird, aber der Altarstein bleibt sichtbar vor Ort und kann manchmal sogar liturgisch genutzt werden – oder ein Raum welcher Nutzung auch immer dienst mal als Gottesdienstort, obwohl der Altar lange weg ist. Es braucht dazu einen offenen Blick und viel Mut, solche Umgestaltungen anzudenken und anzugehen, um die Identität einer Kirche zu bewahren und weiterhin Identität zu stiften, obwohl der Raum nicht mehr kirchlich ist.
Wir sind in Zürich in der privilegierten Situation, dass uns solche Umgestaltungen noch nicht aufgezwungen werden. Umso mehr dürfen wir sie annehmen und herbeiführen, wenn sich eine gute Möglichkeit eröffnet. Immer wieder – selten genug – bekomme ich mit, dass irgendwo ein kirchlicher Raum besonders kreativ genutzt wird, mit viel Offenheit und Ideenreichtum für Benachteiligte, Junge, Einsame, Fremde oder Gemeinschaftssuchende. Vielleicht geschieht das sogar gar nicht so selten, sondern ich bekomme es nur nicht mit? Weil es an viele Orten selbstverständlich ist, dass Kirche – und die Art, wie wir unsere Räume brauchen und einsetzen – ständig in Bewegung, in Erneuerung ist?
Tobias Grimbacher
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant