Unsere beiden Landeskirchen (Plural!) waren in den ihnen zugeordneten konfessionellen Gebieten während langer Zeit so etwas wie Staatskirchen, zumindest aber staatstragende und staatserhaltende Institutionen. (Das gilt etwa für die reformierten Kantonalkirchen in Bern, Zürich und der Waadt, für die katholische Kirche im Wallis und im paritätischen Kanton St.Gallen gerade für beide Kantonalkirchen, in unserem Fall der katholische Konfessionsteil.) Ein Höhepunkt dieser Verflechtung war etwa, dass in einigen evangelischen Kantonen am Bettag ein Schreiben der Regierung im Gottesdienst verlesen wurde. Dies wäre heute kaum mehr möglich. Staat und christliche Kirchen haben sich auseinander gelebt. Ja es sind seit bald 15 Jahren politische Strömungen (vor allem in einer der staatstragenden Parteien) aufgetreten, die ein derart hohes unethisches und a-christliches Mass erreicht haben, dass zumindest geprüft werden muss, ob die Verantwortlichen der Kirchen nicht erstmals Wahlempfehlungen geben sollten. Weihbischof Peter Henrici SJ, einer der hellen Köpfe der Schweizerischen Bischofskonferenz, hat dies erst kürzlich unter grosser Medienaufregung getan. Wahlempfehlungen nun erstmals nicht im Sinn, zur Wahl der Vertreter/innen der eigenen konfessionellen Partei aufzurufen, sondern im Sinn, mitverhindern zu helfen, dass eine Politik der Ausgrenzung von Minderheiten, der Diffamierung von sozial engagierten Menschen und der pauschalen Aburteilung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen mehrheitsfähig und damit auch im konkreten gesellschaftlichen Alltag zum Tragen kommt. Nicht nur in totalitären Staaten und Systemen, sondern auch im modernen Rechtsstaat, in dem via Medien die Verbreitung jeder Ungeheuerlichkeit möglich ist, und in dem der Begriff des «Volksrechts» zur Propagierung von menschenrechtswidrigen Parolen missbraucht wird, dürfen die Kirchen nicht schweigen.Schon länger nicht mehr wie dieses Mal bei den Wahlen gilt: Politische Programme zu prüfen, sie auf die Evangeliumsverträglichkeit abzuklopfen, mit der christlichen Soziallehre zu vergleichen und dann zu wählen!
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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