Zum zweiten Mal nun die St.Galler Festspiele, zum ersten Mal mit dem, was Sommerfestspiele zum big event macht: Oper open air. Und das im und vor dem St.Galler Weltkulturerbe. Es wurde im Vorfeld geschrieben, ob man das darf oder nicht, ob die Ruhe des Platzes nicht gestört wird, ja es wurde im Blick auf die Absage des Weihnachtsmarktes an selbem Orte nach St.Galler Manier sogar leicht gestritten.
Man(n) wird es dem Kritiker nicht verargen, dass er sich zum politischen Aspekt der Frage nicht äussern will. Oper ist nun einmal hohe Kunst und nicht schnöder Kommerz. Dass Oper dabei von solchem Kommerz in Form von Catering-Angeboten umgeben ist, darüber könnte man schon zu Recht diskutieren, hat doch die St.Galler Innenstadt reizvolle gastronomische Angebote zu machen.
Eben einem solchen gingen wir nach, assen Antipasto und Pasta im «Facincani» nahe dem Festspielort und gingen dann an einem herrlich warmen Vollmondabend, der nur durch einige üble Klänge aus dem Sittertobel auf der Hinfahrt getrübt wurde, zur herrlich direkt vor der Hauptfassade der St.Galler Kathedrale angelegten Bühne, auf der Pietro Mascagnis Einakter «Cavalleria rusticana» geboten wurde. Es war ein Genuss fürs Auge, teilweise auch ein solcher fürs Ohr.
Oper lebt im Innenraum (und etwa auch in der Arena von Verona) davon, dass sie im Unterschied zum dröhnend-ohrenzerschmetternden modernen Musical nicht verstärkt wird. Unvergesslich die Anweisung Richard Wagners für Bayreuth, dass das Orchester unter der Bühne zu spielen hat, auf dass man die Sänger/innen besser verstehe. Nun in St.Gallen wurde alles verstärkt, das Orchester, der Chor und auch die Solisten/innen. So ergab sich ein akustisch sehr uneinheitliches Bild, je nachdem wo die Sänger/innen gerade standen, wohin sie blickten und sangen. Und in der ersten Reihe hatte man zu kämpfen zwischen Originalklang und verstärktem. Nun, ich nehme an, dass es ohne Verstärkung an diesem Ort gar nicht geht. Oder?
Geboten wurde Überdurchschnittliches. Arnaud Bernards Regie zeigte, dass er bei ähnlichen Open-Air-Produktionen, etwa eben in Verona, bereits mit grossen Tableaus umgehen konnte. Die bis auf Prozession und Osterapéro eigentlich eher karge Handlung wurde ständig durch Volksaufläufe und kleine Bonbons fürs Auge (Einfahrt mit Velos, das Tuckerfahrzeug von Alfio, das Einkleiden der Ministranten etc.) aufgelockert, es gab für den Opern-Unerfahrenen viel zu sehen.
Bernard siedelte das Stück 1943/44 in Sizilien nach der Invasion der Alliierten an, beliess es aber sonst unpolitisch- Und so dominierten, wie es sich für «Cavalleria» auch gehört, die Themen Liebe/Eifersucht/Rache und Religion. Zum Zweiten ist anzumerken, dass an diesem sensiblen Ort korrekt mit den Themen Ostermorgen und Auferstehungsfeier umgegangen wurde, es gibt nichts zu kritisieren. Da hat ein guter Berater gewirkt. Zur Handlung selber: Selten habe ich alle vier Protagonisten der Liebesgeschichte so jung besetzt gesehen, Alfio gerade nicht als deutlich älteren gehörnten Ehemann, sondern als Macho, der selber anderen Frauen die Augen verdreht. Überhaupt war das Machtverhältnis bei den Männern umgekehrt: Turiddu stolperte eher verstört durchs Geschehen und betrank sich bis zum Duell mehr als genug, um dieses zu verlieren.
Dass sich der junge und stimmlich (Einwand bei allen: siehe oben) überzeugende spanische Tenor Javier Palacios bei diesem Duell auf dem abfallenden Mittelzugang zur Bühne bös am Fuss verletzte, war eine für ihn unangenehme Ironie der Rollenanlegung. Und so wird in den weiteren Aufführungen dieser Woche wohl Herr Vieira einspringen müssen. Der Kritiker ist froh, dass er noch die Premierenbesetzung erlebte. Zu der gehörten dann auch der italienische Bariton Alberto Gazale als Alfio, dominant in jeder Hinsicht, und die russische Allzwecksopranistin Mlada Khudeley in der eigentlich die Oper dominierenden Rolle der um Ehre und Zukunftshoffnung betrogenen Santuzza. Sie legte die Rolle eher diskret und auch stimmlich nicht immer auf Volltouren an, und wurde in der Regie Bernards von den Macho-Männern viel auf der Bühne herumgeschupst. Ich konnte Luciana d’Intinos Spiel nicht vergessen dabei.
Alles in allem, für St.Galler und Nicht-St.Galler gesagt, es lohnt sich allemal, hinzugehen. Es wird noch die ganze Woche bis zum 8.7. gespielt. Nächstes Jahr ist dann – same time, same place – eine grosse und mehraktige «Kiste» geplant: Verdis «Giovanna d’Arco». Ob sich die akustischen Probleme besser lösen lassen?
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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