Ein Stück MusikgeschichteGastspiel des Orquestra de São Paulo in St.Gallen
Mit wehmütiger Spannung fieberten wohl manche St.Galler Musik-Geniesser/innen dem auf den 18.März angesetzten Klubhaus-Konzert entgegen, bedeutete dieses doch eine Wiederbegegnung mit einem Protagonisten der neueren Kulturgeschichte der Stadt. John Neschling, der ehemalige Chefdirigent des St.Galler Orchesters, der uns so gewaltige und St.Galler Dimensionen sprengende Opernabende wie «Tristan und Isolde» und «Elektra», aber auch kommentierte Sinfoniekonzert (was nicht jedermanns/fraus Begeisterung fand …) geschenkt hatte, war mit dem Sinfonieorchester aus São Paolo, das er seit 10 Jahren führt und zu internationalem Ansehen brachte, zu Gast.
Es ist nicht meine Art, von Sinfoniekonzerten zu berichten, da mir das nötige musiktechnische Fachwissen fehlt. Es soll hier nur zweierlei rapportiert werden: Die Atmosphäre und Stimmung des Konzertabends sowie ein spannender Blick in die Musikgeschichte anhand der aufgeführten Werke und ihrer Resonanz im Publikum.
John Neschling hat an Alter und (deutlich) an Gewicht zugelegt, aber sein Umgang mit Orchester und Musikwerken ist der selbe geblieben. Mit der ihm eigenen Exaltiertheit und manchmal fast knapp an der Grenze des korrekten Dirigierens schwebend hat er das Orchester, was Rhythmus und Klangfarbe betrifft, voll im Griff. Das Publikum dankte es ihm bei den musikalisch emotional fesselnden Werken, wie gerade bei den beiden Zugaben, die nicht angesagt waren, wohl aber aus dem breiten Repertoire brasilianischer Komponisten stammten, mit begeistertem Applaus.
Hochspannend die Musikauswahl, die für das dritte Klubhauskonzert getroffen worden war. Unter dem plakativen Titel «Hitzewellen, Farbengluten» kamen ausschliesslich Werke aus der knappen Periode zwischen 1924 und 1941 zur Aufführung. Diese Periode ist musikgeschichtlich und weltgeschichtlich von Bedeutung. Einmal stellte sich den Komponisten immer stärker die Frage, wie im Zeitalter von Weltkriegen und Totalitarismus überhaupt komponiert werden kann, zum andern war die Spaltung in die elitäre, in den elfenbeinfarbenen Turm der wenigen Kenner führende atonale Klassik einerseits und in die (durch die Filmindustrie geförderte) reine U-Musik schon deutlich hör- und erkennbar. Noch komponierte Richard Strauss, doch Giacomo Puccini und Gustav Mahler waren schon Geschichte, und mit Komponisten wie Arnold Schönberg, Alban Berg und Igor Strawinskij hatte die Moderne längst begonnen.
Vor der Pause setzten zwei «linke», dem Faschismus trotzende Komponisten markante Zeichen modernen Komponierens. Silvestre Revueltas rein auf Rhythmus basierende Komposition «Sensemayá» fesselte durch ihre in der Kürze liegende prägnante Tonsprache, die an Ravel und Honegger erinnerte. Béla Bartoks zweites Klavierkonzert, von Dezsö Ranki technisch brillant interpretiert, faszinierte im langsamen Mittelsatz insofern, als dass der wehmütige Abschied von der freien Welt angesichts des deutschen Faschismus auch als Absage an einen guten Gott gedeutet werden konnte. Die beiden schnellen Sätze hingegen liessen mehrheitlich verstörte Zuhörer/innen zurück, die nicht viel mehr als Fingerübungen vor atonalem Hintergrund hörten. Hier zu Beginn der 30er Jahre erfolgte wohl die endgültige Zuwendung des breiten Geschmacks zu gängigerer Musik, wie sie etwa mit den grossen Big Bands gerade aufkam.
Die andere Möglichkeit des Komponisten, die der «Anpassung» an Zeit- und Zuhörergeschmack, präsentierten die Werke zweier eher «rechts» stehender Komponisten nach der Pause. Die «Bachianas Brasileiras» von Heitor Villa-Lobos überzeugten mit klugen Unterschieden in Tonsprache und Rhythmus, schwebten aber immer ganz knapp an der Grenze von Kitsch und Filmmusik. Sie stiessen dementsprechend auf breite Zustimmung und grossen Applaus. Verständlich. Etwas schwieriger die grosse Freude des Publikums an Ottorino Respighis «Pini di Roma». Zunächst in der Tradition Puccinis stehend, mit vielfältigsten Klangfarben und Orchestereinsätzen experimentierend (so auch die technische Nachtigallen-Einspielung im Nachtsatz), steigert sich das Werk in äusserste faschistische Pracht, wenn es den Einmarsch römischer Truppen nach gewonnener Schlacht nach Rom schildert. Des Duces Marsch auf Rom und Bilder von den Nürnberger Parteitagen sind bei dieser Musik allgegenwärtig, und den pompösen Schlussakkord könnte man gut mit der Bombe ob Hiroshima kontrastieren. Doch vielleicht: Hier zu viel gedacht, wie bei Bartok zu viel gelitten.
Der Abend machte Freude, inspirierte aber auch zum Nachdenken, welches der Zweck von Musik ist und wohin sie uns führt.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant