Meine Sicht auf Israel/Palästina …
… hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert:
- Es war in der zweiten Klasse der Primarschule. Unsere Lehrerin erklärte erfreut, die Israeliten, die wir ja vom Bibelunterricht kennen würden, hätten vor sechs Jahren einen eigenen Staat bekommen.
- 1967: Im Einführungsjahr («Noviziat») des Kapuzinerordens vernahmen wir mit grossem Interesse die Nachrichten vom Sechstagekrieg. Es war klar, wem unsere Sympathien galten. Damals gab es im täglichen Chorgebet noch Busspsalmen, Verwünschungen gegen die Feinde. Wir zweifelten nicht, dass es in dieser Situation die «bösen» Palästinenser waren – und beteten entsprechend …
- 1970er-Jahre: Etliche meine Freunde und Bekannte machten einen Einsatz in den Kibbuzim. Als ich Jahrzehnte später einem von ihnen von meiner Reise ins «Heilige Land» erzählte, war er überrascht, dass es dort zwei Völker gibt …
- Auch in einer breiteren Schweizer Bevölkerung nahm man die Existenz der Palästinenser kaum zur Kenntnis – bis sie «sich in das öffentliche Bewusstsein bombten» Der Begriff Palästinenser wurde zu einem Synonym für «Terroristen».
- – Allmählich sahen wir, dass die Palästinenser ein Volk bilden, das vielfach von den hochgelobten Israelis («die einzige Demokratie im Nahen Osten») unterdrückt wird, so dass manche aus Verzweiflung zu den Waffen greifen.
- 1981 war ich Co-Leiter einer Leserreisen ins Heilige Land; im Rahmen eines Pilotprojektes. Wir wollten künftige Pilger daran erinnern, dass es dort Christen gibt – vorwiegend Palästinenser! –, die auf unsere Solidarität angewiesen sind.
- 1989, während der ersten Intifada reiste ich als Journalist nach Palästina/Israel, um über den Volksaufstand zu berichten. Eines Morgen rief mich aufgeregt ein Schweizer Freund an, der in engem Kontakt zu den Palästinensern stand. Er erzählte, während des muslimischen Morgengebetes seien Soldaten ins Dorf Nahalin eingedrungen, hätten wild um sich geschossen: fünf Tote und zahlreiche Verletzte. Mit meinem Freund konnte ich in einem Spital eine junge verwundete Palästinenserin besuchen. Ihre Mutter zeigte uns die Einschussstelle in ihrer Bluse. Die junge Frau machte Victory-Zeichen. Kaum ein anderes Ereignis in meiner 60jährigen Tätigkeit als Journalist hat mich so berührt.
- PS: Ich wurde schon mehrmals gefragt, warum ich in meinem Blog Israel/Palästina so viel Platz einräume – statt anderen Konflikten wie z.B. jenem in Myanmar. Die Antwort ist einfach: Unser christlicher Glaube ist im jüdischen verwurzelt. Auch für uns ist die Hebräische Bibel/Altes Testament ein heiliges Buch. Darum kann ich nicht kommentarlos mitansehen, wie dieses missbraucht wird, um Besitzansprüche – auf Kosten eines anderen Volkes! – durchzusetzen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/israel-palaestina-unterschiedliche-sichten/