Kuitert zum vorläufig Letzten

Gehen wir nun noch einmal ernsthaft auf die Grundthesen von H.M.Kuitert ein. Ich versuche eine Radikal-Zusammenfassung:
1. «Was vorrangig gegen Gott-auf-Erden spricht und sich auf dem Weg der historischen Forschung belegen lässt, ist, dass Jesus selbst nicht hätte daran glauben können. Jesus war Jude, seine Religion war die jüdische Religion, und ein Jude kann sich selbst nicht als Sohn Gottes (im trinitarischen Sinn) bezeichnen.» (S.163)
2. «Ob Gott in Christus mit der Welt befasst war oder nicht, hat nichts mit einem Mirakel zu tun und daher auch nichts mit Beweisen. Christen sollten sich auf dieses Problem nicht einlassen … Was kann man als Christ anderes sagen, als dass Gott selbst in Jesus handelte? An Beweise denkt höchstens jemand, der meint, ein Dogma müsse verteidigt werden. Aber wir verteidigen kein Dogma, wir erzählen nur, wie wir zum Glauben an Gott gelangt sind und welche Rolle Jesus dabei gespielt hat.» (S.218)
3. «Man braucht nicht viel Fantasie, um zu begreifen, dass es nur ein kleiner Schritt ist von ‘Gott war in Christus’ hin zu ‘Christus ist Gott’. Jesus wird nicht nur geehrt, er wird zum Gegenstand von Verehrung, von Frömmigkeit, und Frömmigkeit bedeutet in den Himmel heben: Jesus wird Gott-auf-Erden.» (S.221)
Soweit die Vielzahl der häretischen Gedanken. Doch nochmals: Soll/Darf ein pensionierter Theologieprofessor nicht im interreligiösen Dialog solche Überlegungen anstellen? Wird der Denkansatz, der hinter dem Dogma steht, so für Moslems und Juden nicht doch verständlich, begreifbar? Ich meine: Dies ist nicht hinderlich, sondern hilfreich!
4. «Jesus steht oder fällt mit dem christlichen Konzept von Gott und nicht umgekehrt (der ‘Gott für alle Völker’ und nicht nur ‘für ein Volk’ – Anmerkung von H.A.!). Gott steht oder fällt nicht mit Jesus.» (S.226)
5. «Als Metapher für Gott ist Jesus nicht selbst Gott, sondern gebrauchen wir seinen Namen, um über Gott zu sprechen, über Gott, der gross und barmherzig und gross an Güte ist, der das Böse verzeiht, den Schuldigen aber nicht unschuldig sein lässt. Jesus als Metapher für Gott, das ist Jesus als ein anderes Wort für die Treue Gottes genüber seiner Schöpfung, für die Liebe Gottes, für Gott, der unseren Weg begleitet …» (S.248f)
Kuiterts Buch offenbart sich so im zweiten Teil als ein eigentlich meditativ-kreisendes Herantasten an die Besonderheit des «einen» Gottes, wie er sich im Christentum abgrenzend zu Islam und Judentum zeigt, eben weil er in Jesus von Nazareth offenbart wurde. Faszinierend, spekulativ, nicht unbedingt immer logisch stringent, aber – ich bleibe dabei – hilfreich.
Zum Schluss: Will Kuitert nun unseren Sprachgebrauch, unsere Sprachspiele, ändern? Nein:
6. «Muss diese Lehre beseitigt werden? Das betrachte ich als eine Art von Rigorismus. In kultureller Hinsicht würde das in jedem Fall auf reine Barbarei hinauslaufen. Wir werfen unsere Vergangenheit damit fort, die Bilder, mit denen wir aufgewachsen sind, die Sprache, in der zu sprechen wir gelernt haben.» (S.222)
Man beachte Joseph Ratzinger:»Die religiöse Sprechweise zu verändern, ist immer sehr gefährlich. Kontinuität ist hier von grosser Bedeutung. Ich halte die zentralen Begriffe des Glaubens, die von den grossen Schriftworten stammen, für nicht veränderbar: wie zum Beispiel «Sohn Gottes», «Heiliger Geist», «Jungfräulichkeit» und «Mutterschaft». (Zur Lage des Glaubens. München, 1985. S.80)

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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