Ich nehme in diesem Beitrag Bezug auf die folgenden Ereignisse der letzten Tage:
- Die Diskussionen nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens im Bistum München-Freising, insbesondere auch zur Falschaussage des emeritierten Papstes Benedikt, die von diesem bzw. seinem Umfeld nachträglich korrigiert wurde.
- Die in der ARD ausgestrahlte Dokumentation «OutInChurch», das Coming-Out von 125 Katholiken/innen, die in der katholischen Kirche Deutschlands in verschiedenen Formen tätig sind, darunter etliche Priester und Ordensleute, manche immer noch anonym.
- Die Reaktion des Bischofs von Essen, Franz-Josef Overbeck, auf diese Dokumentation, wobei er forderte, dass das kirchliche Arbeitsrecht in Deutschland zu revidieren sei.
- Die Diskussion beim Talk «Anne Will» zu beiden Themen, wobei der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, teilnahm und Benedikt zu einer Entschuldigung aufforderte.
- Das Interview mit Eugen Drewermann auf Youtube, in dem er seine Meinung äusserte, dass Johannes Paul II. es Ratzinger untersagt hatte, näher auf Meldungen von Missbrauch einzugehen.
Aus allem ergibt sich eine Schlussfolgerung, die in ihrer Ungeheuerlichkeit kaum zu ertragen ist. Sie lautet in Kürze:
Zuerst plakativ: Die katholische Kirche schützt Missbrauchstäter und wirft dafür ehrliche Menschen raus.
Nun aber etwas argumentativer: Immer wieder wurde betont, dass Bischof und Bistumsleitung eine Verantwortung für ihre Kleriker und deren Lebensunterhalt tragen und aus dieser Verantwortung heraus das Gespräch mit gemeldeten Tätern suchten, sie ermahnten, zur Therapien rieten und sie dann über weite Strecken versetzten. Wenn Bistum und Bistumsleitung aber gemeldet wurde, dass ein Kleriker in einer Beziehung zu einem/r erwachsenen Frau/Mann stand, wurde ihm gedroht und er bei öffentlichem Stehen zu dieser Beziehung unehrenhaft aus Amt und Tätigkeit entlassen. Das war die Übung während Jahrzehnten. Welch unfassbares Unrecht!
Man/n erlaube mir nun folgendes durchaus reales Gedankenspiel. Der psychiatrische Mitarbeiter in Münsterschwarzach, Wunibald Müller, unterschied schon vor Jahren zwischen pädophilen Priestern (einer kleinen Minderheit) und homosexuellen Priestern, die in ihrer emotional-sexuellen Entwicklung stecken geblieben waren und sich darum auf männliche Jugendliche fokussierten (der grossen Mehrheit). Müller sagte damals schon, dass die zweite Kategorie nur einige aufklärend-therapeutische Gespräche brauche, um diese Blockade überwinden zu können. Aber die Kirche bot eine ganz andere Alternative an. Die lautete: Wenn Du ehrlich zu Dir und zur Öffentlichkeit bist, musst Du gehen. Bleibst Du aber geheim-gehemmt, dann darfst Du bleiben.
Nochmals (und Drewermanns neue Einleitung zu «Kleriker» aufgreifend): Nebst Jugendlichen als Opfern von unpassenden Avancen/Beziehungen sind es auch diese Priester, die als Opfer bezeichnet werden müssen. Wenn sie dann noch «gut katholische Priester» waren, also fromm und gehorsam, hatten sie gar keine Chance.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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