Ethisches zur Impfung

Wenn ich das recht verstehe, wird es bei allfälligen Entscheidungen zu einer sogenannten «Impf-Pflicht», also dem Modus, dass zwar niemand zum Impfen gezwungen, aber, wenn er/sie nicht geimpft ist, mit einer Busse belegt werden kann (einer Entscheidung, die etwa nächstens im Deutschen Bundestag in einer Abstimmung mit Aufhebung der Fraktionsdisziplin gefällt werden wird), um eine Abwägung ethischer Grundwerte gehen. (Analog entschied der Deutsche Bundestag etwa über Fragen um die Abtreibung, die Sterbehilfe und um die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.)

Dies zeigt, in welch heiklem Grenzbereich wir uns hier bewegen. Und es ist sicher richtig, dass solche Entscheidungen nicht von der Exekutive allein gefällt werden dürfen (wie kürzlich in Österreich geschehen, wofür die Regierung nun dafür der Zorn der Strasse einholt), sondern dass die Legislative daran beteiligt wird und der Entscheid vor der Judikative bestehen kann. Doch ist uns mit solch politisch-rechtsstaatlichen Überlegungen alleine nicht geholfen. Wir brauchen die saubere ethische Argumentation.

Ich versuche das hier pro Impfpflicht im eingangs definierten Sinn. Um welche Werte geht es? Die Gegner sprechen von einem schwerwiegenden staatlichen Eingriff in die körperliche Integrität der Einzelperson. Ein Piks in den Oberarm ist also ein schwerwiegender Eingriff? Oder ist es die verabreichte Impfsubstanz? Ich bin schon etwas verwirrt, da ich sowohl an der Oberstufe wie im Militär erlebt habe, dass wir klassen- und kompagnieweise geimpft wurden, wenn die aktuellen gesellschaftlich-medizinischen Umstände es erforderten. Ja, was hat sich denn seit 1969 bzw. 1976 so wesentlich geändert, dass plötzlich dieser Wert, also der absolut verstandene Anspruch, dass der/die Bürger/in Herr/in des eigenen Körpers ist und dem Staat jeglichen medizinischen Zugriff verwehren kann, gilt?

Auf der Gegenseite steht nämlich nicht der Eingriff in die körperliche Integrität eines Einzelnen, sondern die Gefährdung der körperlichen Integrität von vielen. Was zählt also im Sinne der Dilemmatheorie höher, das Recht des/der Einzelnen zur Verweigerung trotz medizinisch-wissenschaftlich bestens belegten Grundlagen, oder das Recht des Staates, seine Bürger/innen vor Gefährdung von Leib und Leben zu schützen? Ich für meinen Teil sehe klar, wohin sich die etische Waage hier neigt.

(Erlauben Sie mir nun noch einen bösartig-ironischen Zusatz. Viel mehr als durch eine allfällige Impfpflicht fühlte und fühle ich mich schon in meiner psychischen Integrität verletzt, wenn dieser Staat mir befiehlt, dass ich einen Sicherheitsgurt zu tragen habe. Die einzige Person, die ich durch eine Weigerung gefährde, bin ich selber, und ich kann sehr wohl entscheiden, wo solches nötig ist und wo nicht. Das aber darf und tut dieser Staat.
Und wenn wir schon vom Militär sprachen: Den schlimmstmöglichen staatlichen Eingriff in meine körperliche Integrität erlebte ich, als dieser Staat mir befahl, wie kurz meine Haare zu scheren seien. Wohl verstanden: Ich hatte nicht in einem engen Panzer oder Ähnlichem zu sitzen, sondern Menschen Fieber zu messen, Verbände und Gipse anzulegen. Die Länge meiner Haare gefährdete diese sicher nicht.)

Ergo nochmals und jetzt ernsthaft: Das Wohl der Vielen ist im jetzigen staatlichen Umgang mit der Pandemie höher zu gewichten als eine egoistisch verstandene Freiheit eines/r Einzelnen.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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