Geo-spirituelle Verlagerung der Konzilsrezeption – und ein Papst vom Ende der Welt

Auch wenn Giuseppe Alberigo das ganze Gottesvolk als eigentlichen Interpreten des Konzils sieht, so gibt er noch einen weiteren wichtigen Hinweis. Er traut nämlich den nicht-europäischen Kirchen eine besondere Rolle zu, um das Konzil richtig zu interpretieren.
Alberigo spricht von einer «sichtbaren Verlagerung der geo-spirituellen Achse der katholischen Kirche (…) Der westliche Katholizismus, und speziell der europäische, hat eine verfestigte Physiognomie angenommen, die gekennzeichnet ist von einer wesenhaften Dissoziation zwischen geistiger Reflexion, lehrmässiger Ausarbeitung und institutionellen Strukturen. Eine Dissoziation, die sich auch darin zum Ausdruck bringt, dass jede dieser Aktivitäten ihren wohlbestimmten Ort hat; eine Dissoziation, die in der Hegemonie der bürokratisch-juristischen Dimension und der alles bestimmenden deduktiven Methode aufgipfelte. Deswegen scheint es vernünftig, von anderen katholischen Gegenden als der europäischen, die weniger in das ‹konstantinische› System verwickelt sind, Initiativen zu einer wirklich ‹treuen› und kreativen Rezeption der aufknospenden Transparenz des Geistes, die das Zweite Vatikanische Konzil ins Werk gesetzt hat, zu erwarten. Eine geo-spirituelle Verlagerung ist die Vorbedingung sine qua non für eine derartige Rezeption.»
Vielleicht ist aktuell der «Papst vom Ende der Welt» ein guter Ausdruck für die Erfahrung einer treuen und kreativen Konzilsrezeption, die sich von konstantinischen Verstrickungen emanzipiert hat. Juristen und Bürokraten behagt das nicht, aber der Geist weht, wo er will.
(ab; Giuseppe Alberigo: Treue und Kreativität bei der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils. In: Antonio Autiero (Hrsg.): Herausforderung Aggiornamento, Altenberge 2000, 13-35)

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