Reinhard Kardinal Marx erinnert sich, dass er im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung zum ersten Mal vom Konzil gehört habe. Als Ministrant, so berichtet er weiter, gehörte er «eher zu den Konservativen, die über manche Veränderungen in der Liturgie nicht sehr glücklich waren.» Die Zeit nach dem Konzil erlebte er zugleich als Zeit des Aufbruchs und Zeit des Umbruchs, «in der vieles auf der Strecke blieb, was mir als Jugendlichem und Theologiestudenten wichtig war. Reform, so schien mir, wurde zu leicht mit Abschaffen, Erleichtern und Anpassung an die Zeit verwechselt.»
Mit Blick auf die Spannungen in der Rezeptionsgeschichte resümiert er: «Die Texte, die eigentlich die Einheit der Kirche zum Ausdruck bringen wollen, führen immer wieder zu unterschiedlichen Interpretationen, und deswegen ist es gut, im Jubiläumsjahr zu einer intensiven Relecture der grossen Dokumente des Konzils einzuladen. Manche sagen ja heute, das Konzil sei noch nicht eingelöst, aber ich bin der Überzeugung, es ist auch theologisch von vielen in der Kirche noch nicht verstanden und in seiner Tiefe rezipiert worden. Oft genug wurde der ‹Geist des Konzils› gegen die Texte des Konzils ausgespielt.»
Für ihn selbst waren es denn auch die Konzilstexte, durch deren Studium er «die geistliche und theologische Herausforderung des Konzils verstanden» habe, das ihm zu einer «feste(n) Leitplanke für den Weg der Kirche in die Zukunft» wurde. Dabei wurde ihm die Eröffnungsansprache Johannes XXIII. (durchaus im Horizont des gesamten Wirkens und Wesens des Roncalli-Papstes) zum «Schlüssel für das Verständnis des Konzils».
«Vielleicht kann eine Rezeptionsgeschichte eines Konzils in der ersten Phase nur kontrovers verlaufen. Es braucht Zeit, theologische Vertiefung und vor allem geistliche Neuorientierung, um das, was der Heilige Geist mit den Konzilsvätern ‹angestellt hat›, wirklich zu be-greifen und zu er-greifen.»
Für das Konzilsjubiläum wünscht er sich, dass es ein Beitrag sein möge, «Spannungen und Polarisierung in der Kirche zu überwinden, denn alle sind ja eingeladen und auch verpflichtet, sich an diesen grossen Texten zu orientieren.»
Dankbar verweist er auf Papst Benedikt XVI. und dessen Anliegen, «der positiven Rezeptionsgeschichte des Konzils noch einmal einen Schub (zu geben), wenn er davon spricht, das Konzil nicht zu verstehen in einer ‹Hermeneutik des Bruches›, sondern im Kontext der ganzen Geschichte der Kirche in einer ‹Hermeneutik der Erneuerung›».
Seine Bilanz und sein Wunsch: «Ich habe nie akzeptieren können, dass man die vorkonziliare Kirche nur negativ beschrieb und die Nachkonzilskirche wie etwas völlig Neues darstellte. Deshalb kommt es in den kommenden Jahren darauf an, nicht nur Rückschau zu halten, sondern mit den grossen Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils voranzuschreiten. Die (…) Jahre des Konzilsjubiläums sind dafür eine grosse Chance.»
(mq; alle Zitate aus: Reinhard Kardinal Marx: Das Zweite Vatikanische Konzil gehört zu meinem Leben. In: Diözesanrat der Katholiken der Erzdiözese München und Freising (Hg.), Erinnerungen an das Zweite Vatikanische Konzil. Zeitzeugen aus dem Erzbistum München und Freising berichten, München 2012, 84f.).
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