Die Formulierung und Verabschiedung des Schemas XIII (Gaudium et spes) steht im Sommer 1965 vor dem Schlussspurt – und es zeigen sich Widerstände von unerwarteter Seite. Karl Rahner beispielsweise formuliert fundamentale theologische Anfragen in einer Expertise für die Bischofskonferenz in Fulda Ende August.
Er moniert, dass es dem Dokument an methodischer Klarheit mangele, wenn es darum geht, mittels theologischer Kriteriologie «die Erkenntnis der konkreten Situation der heutigen Welt (…) und die (…) konkreten Folgerungen, die sich aus dieser Situation ergeben, unterscheiden zu können.» Es werde nicht deutlich, was der Glaube angesichts der Erkenntnis der Welt zeigen, und was er nicht aufzeigen könne.
Hans-Joachim Sander kommentiert hier, dass Rahner noch im traditionellen Denkmuster der Theologie steckt, das die Zweiheit von Glaube und menschlicher Lebenssituation letztlich nicht in einen gegenseitigen Bezug zu bringen weiss. Rahner argumentiere «mit einer klassischen Aufgabelung dieser Zweiheit, die vom Innen des Glaubens auf das Aussen der realen Welt geht, aber nicht umgekehrt. Er fragt danach, welchen Sinn der Glaube für die Erkenntnis jener Situation besitzt, aber nicht umgekehrt, was die Situation der Welt für die Sprache des Glaubens bedeutet.» Mit anderen Worten: Rahner entgeht in seiner Auseinandersetzung mit dem Text das, was Sander den pastoralen Rahmen des Textes nennt: «Schema XIII hat (…) pastorale Natur und zielt auf die Wechselseitigkeit von beiden» (von Glaube und der Erkenntnis menschlicher Situationen).
Diese Wechselseitigkeit gilt es aber 1965 (und heute ebenso) genauer theologisch zu bestimmen, um zu vermeiden, dass der Glaube ein Wissen über die Situationen der Menschen und ihre Anforderungen an ihr Verhalten zu besitzen vorgibt, das z.B. auf wissenschaftliche Erkenntnis verzichten könnte. Hier ist nicht zuletzt die Freiheit der Menschen vor einem falsch verstandenen Glauben zu schützen; und hier trifft die Kritik Rahners einen wichtigen Punkt.
Zugleich zeigt seine Kritik – nicht zuletzt gerade durch die ‹pastoraltheologische Blindheit›, die Rahner hier noch erkennen lässt – wie völlig neuartig die dem Schema zugrunde liegende theologische Perspektive ist, die darauf setzt, dass die Erkenntnis der konkreten Situationen der Menschen dazu beitragen kann, den Glauben zu entdecken.
(ab; entnommen und zitiert aus dem Kommentar von Hans-Joachim Sander zu Gaudium et spes in: Herders theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Bd. 4, Freiburg 2005, 583 – 886, hier: 650ff.)
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