Ein erschütterndes Flüchtlings-Schicksal

Lukas Hartmann: Der Sänger. Diogenes 2019. ISBN/GTIN 978-3-257-07052-1. 288 S. CHF 29.90

Ein erschütterndes Buch – und sehr aktuell, obwohl es sich um einen historischen Roman handelt! Es erzählt die Geschichte eines jüdischen Flüchtlings, dem es gelang, 1942 auf abenteuerlichen Wegen in die Schweiz zu kommen, um Asyl zu beantragen. Der Mann ist nicht irgendwer, sondern der damals weltbekannte jüdische Sänger Joseph Schmidt, einem – wie wir heute sagen würden, Superstar. In der Ostschweiz kommt er in ein Internierungslager, in dem er trotz seiner höchst angeschlagenen Gesundheit sehr schlecht behandelt wird.

Als er in das Kantonsspital Zürich eingeliefert wird, weigert sich der zuständige, antisemitisch angehauchte Chefarzt, sein krankes Herz zu untersuchen. Und er wirft ihm vor: «Es gibt ja auch sehr viele Ihres Glaubens darunter, die in Anspruch nehmen, verfolgt zu werden, und annehmen, deshalb ein Recht auf Asyl zu haben.» (202) Zwei Tage nach seiner Entlassung aus dem Spital stirbt Schmidt an Herzschwäche.

Nochmals: Lukas Hartmann erzählt eine Geschichte, die sieben Jahrzehnte zurückliegt. Doch fast Seite für Seite drängen sich einem beim Lesen Parallelen zum heutigen Umgang mit Flüchtlingen auf.

Wichtig: Hartmann schreibt kein Pamphlet gegen die Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs. In eingeschobenen fiktiven Texten lässt er auch die damals Verantwortlichen zu Wort kommen mit ihrer Angst vor Reaktionen des Dritten Reiches. Es wirkt aber höchst befremdlich, wenn einer von ihnen meint, humanitäre Überlegungen müssten immer wieder neu unter dem Aspekt politischer Klugheit überprüft werden …

Walter Ludin

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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