Die theologischen Aufregungen gehören zu den weniger gravierenden für das Überleben der Menschheit. Seitdem man(n) nicht mehr befürchten muss, verbrannt oder im reissenden Fluss geflutet zu werden, ist es nicht mehr lebensgefährlich, sich auf das Parkett dieser meist sprachphilosophisch locker zu erklärenden (über Ludwig Wittgenstein habe ich mich hier schon früher ausgelassen) Auseinandersetzungen zu begeben. Aber der rechte Glaube kann einem weiterhin abgesprochen, die Lehrerlaubnis kann einem weiterhin entzogen, ein Verfahren vor irgendeiner der vielen Kongregationen kann eröffnet werden. (Kehren wir schnell zu Wittgenstein zurück: Sprachspiele werden nur innerhalb der Gruppe, die sich über die exakten Definitionen von Termini geeinigt hat, richtig verstanden.)
Das hatte vor über 50 Jahren der evangelische Neutestamentler Willi Marxsen nicht gut bedacht, als er sich erlaubte, ein schmales Büchlein zum Thema Auferstehung zu schreiben und es mit dem speziellen Titel «Die Sache Jesu geht weiter» zu versehen. Beim Luzerner Dogmatiker Eduard Christen hatten wir es damals in einem Seminar besprochen und für intellektuell anregend verstanden. Marxsen verortete das Thema dabei primär in einer veränderten Wahrnehmung der Jünger und Frauen, die zum Kreis um den Wanderprediger Jesus aus Nazareth bis zu seiner Hinrichtung gehörten und sich dann am Karfreitag in einem emotionalen Scherbenhaufen wiederfanden.
Das Geschrei um Marxsens Buch wurde von Leuten angefacht, die nur den Titel, aber nicht den Inhalt gelesen hatten (das soll es bis heute geben…). Sie unterstellten ihm flugs, dass er die Tatsache der Auferstehung leugne (was nun allerdings eine Häresie grösserer Ordnung darstellen würde) und übersahen (sprich überlasen), dass er natürlich nicht geschrieben hatte, dass sich um einen blossen Sinneswandel, sondern um eine von aussen angestossene (und was meint Ostern denn anderes) veränderte Wahrnehmung der Existenz ihres Lehrers und Rabbis handelte. Ja was anderes ist denn der wilde Befund, den uns die Ostererzählungen darbieten? (Hat der Auferstandene einen real physischen Körper oder nicht; kann er zu gleicher Zeit an verschiedensten Orten sein; war das Grab völlig leer?)
Wir lernen aufs Neue, dass es im Bereich von Religion und Glaube ganz schnell zu unnötigen Ausgrenzungen und Aburteilungen kommen kann. Ich fordere: Ein rechtes Pensum an Sprachphilosophie für alle jungen Theologen/innen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant