Am 6. Juli 1415 wurde Jan Hus in der Konzilsstadt Konstanz verbrannt – eine kirchengeschichtliche Zäsur ersten Ranges. «Am 6. Juli 1415 stiess Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz, bevor er der weltlichen Gewalt überliefert wurde, bei seiner Degradation als Priester jenen Schrei aus, der gleichsam vom Zeitalter der Scholastik in das des eben beginnenden Humanismus hinüberhallt: erster Schrei eines Mannes, der die Unverdientheit und Unwürdigkeit eines menschlich-persönlichen, in der Erfahrung Gottes begründeten Schicksals weltweit geschichtlich kundtat», so Edzard Schaper im Jahre 1965 (vgl. www.kirchenzeitung.ch).
Die Rezeption des tschechischen Predigers und Kirchenreformators war im Laufe der Jahrhunderte einem starken Wandel unterworfen: Er galt als Ketzer, Häretiker, Wahrheitskämpfer oder Nationalheld. Jan Hus war auch Thema auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wo der tschechische Kardinal Josef Beran die negativen Auswirkungen des Konstanzer Kirchengerichts auf die Position der katholischen Kirche in der Tschechoslowakei darstellte und in diesem Zusammenhang nachdrücklich für die Ausrufung der Religionsfreiheit und für die Freiheit des Gewissens plädierte – ein Thema, das im letzten Konzilsjahr besonders aktuell war.
Die Person von Jan Hus bewegt bis heute. So vertritt Tomáš Halík «die Ansicht, dass die katholische Kirche, wenn sie eine integrierende Rolle bei der Erneuerung der tschechischen Gesellschaft spielen soll, die engen klerikalen Horizonte überschreiten, sich an der Heilung der Wunden der Vergangenheit beteiligen und irgendwie den grossen Archetypen der tschechischen Nation gerecht werden müsse, zu denen ohne Zweifel Jan Hus gehört» (vgl. Konzilsblog vom 5. März 2015).
Hus, der lange Zeit «Streitobjekt» unter den Christen gewesen sei, sei heute «Anlass des Dialoges» geworden, sagte Papst Franziskus am Montag, 15. Juni 2015, vor einer Delegation der Böhmischen Brüder und der hussitischen Gemeinschaft im Vatikan im Gedenken an den 600. Todestag des böhmischen Reformators. Franziskus erinnerte daran, dass Johannes Paul II. (1978–2005) 1999 sein «tiefes Bedauern über den grausamen Tod von Jan Hus» ausgedrückt und ihn als Kirchenreformer gewürdigt habe. Hieran müsse die Forschung heute «ohne ideologische Vorurteile» anknüpfen. Dies werde ein «wichtiger Dienst an der historischen Wahrheit, an allen Christen und an der ganzen Gesellschaft, auch jenseits der Grenzen eurer Nation sein». Franziskus zeigte sich zuversichtlich, dass die «Auseinandersetzungen der Vergangenheit» endgültig überwunden werden könnten. Nötig sei ein «Weg der Versöhnung und des Friedens». Die tschechische Delegation feierte danach in Rom eine Versöhnungsliturgie an den Apostelgräbern (vgl. kath.ch 15. Juni 2015).
(ufw)
Konzilsblogteam
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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