Geistliche Ökumene konnte Johannes Willebrands auf seiner Osteuropareise Ende Juni 1965 erleben. In Bulgarien, wo der spätere Papst Johannes XXIII. ab 1925 als Apostolischer Visitator prägende Erfahrungen machte, notiert er am 26. Juni nach einem Besuch in einer von Jesuiten geleiteten Pfarrei: «Freude des Pfarrers, weil ein [katholischer] Bischof [= Willebrands] beim [orthodoxen] Patriarchen zu Gast ist.»
Tags zuvor wurde er vom Rektor der Akademie, Bischof Nikolai, empfangen, der zur Begrüssung von nichts weniger sprach als von «der künftigen Einheit und der communio in sacris». Anschliessend nahm ihn sein Reiseführer, Archimandrit Seraphim, mit zu einem Ausflug ins Witoschagebirge vor den Toren Sofias. Die wie immer wortkarge Notiz Willebrands lässt die theologische und geistliche Tiefe und Weite erahnen, die nicht nur dieses Gespräch, sondern auch den gesamten Besuch Willebrands auszeichnete: «Gespräch über das Thema eines möglichen Dialogs» – wobei Willebrands die Dialoge mit Anglikanern und Lutheranern eigens erwähnt.
In der Bibel gelten Berge als Orte der Gottesbegegnung. Daran mag man sich, bei aller gebotenen Vorsicht im Umgang mit und in der Übertragung von Symbolen, erinnern, wenn man die grundsätzliche theologische und geistliche Tragweite des Begriffs Dialog (s. auch Konzilsblog vom 6. August 2014 zur Enzyklika Ecclesiam suam sowie vom 24. Mai 2015 zu deren ökumenischer Rezeption), bedenkt: nach Paul VI. geht es letztlich um einen «Heilsdialog» zwischen Gott und Mensch.
Der Dialog zwischen Willebrands und Seraphim jedenfalls galt wohl kaum ausschliesslich technisch-organisatorischen Details, sondern ebenjener Tiefendimension und erfolgte im Horizont gemeinsamen Gottesglaubens. In der auf Verstehen ausgerichteten Begegnung zwischen Menschen, hier eben im Witoschagebirge, kann Begegnung mit Gott Wirklichkeit verändern. Die zahlreichen Gebete und Gottesdienste in katholischen und orthodoxen Kirchen, die Willebrands Reise charakterisieren, nehmen alle Erfahrungen und Anliegen ins Gebet. Eine solche geistliche Ökumene wird übrigens auch ganz alltäglich-praktisch: zwischen zahlreichen offiziellen Terminen und Besuchen half Seraphim Willebrands beim Einkauf von Souvenirs.
(mq; Zitate bei Wil 198f.)
Konzilsblogteam
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