Nach dem Unterbruch der fünf lauten Tage (hier im Bleniotal wird hingegen «ambrosianische Fasnacht» gefeiert, das heisst, dass sie erst am Donnerstag beginnt und dann in der Nacht auf den ersten Fastensonntag endet) nun meine vorläufig letzte und auch persönlichste Reaktion auf die Berichterstattung vor, während und nach dem Treffen in Rom. Ich gebe dies, obwohl persönlich, auch zum Kommentieren frei.
Ich baue wie folgt auf:
a) der Pflichtzölibat
b) die «Spätzünder»
c) das Ethos
Die vielen Jahre, in denen ich als Sekretär der Schweizerischen Kommission Bischöfe-Priester und damit auch in direktem Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz Protokolle der Aussprachen mit den Delegationen ZöFra (Verein der vom Zölibat betroffenen Frauen) und Adamin (Verein der homosexuellen Seelsorger) erstellt habe, und insbesondere, was ich in diesen Gesprächen gehört habe, schlagen sich natürlich in meinen allgemein gehaltenen Aussagen wieder.
PS: Ich nehme bewusst keine Stellung zu pädophilen Übergriffen, also Übergriffen an Kindern vor der Pubertät. Diese sind m.E. von meiner Argumentation nicht abgedeckt, da (man vgl. die Studien der Berliner Charité) es hier um eine schwere und de facto nicht therapierbare Persönlichkeitsstörung handelt, die bei katholischen Klerikern nicht häufiger als im gesellschaftlichen Durchschnitt zu finden ist.
Die Problematik der momentanen Diskussion ist, dass Übergriffe sowohl an Kindern wie an Jugendlichen ab der Pubertät und schutzempfohlenen bzw. in einer Form von Abhängigkeit stehenden Erwachsenen ständig in einen und den gleichen Topf geworfen werden!
a) Der Pflichtzölibat
Nach vielen Gesprächen mit Kollegen und auch in intensiver geistiger Auseinandersetzung ist mir klar geworden, dass für junge Männer die Idee, dass mit einer solchen Lebensform der klassische «Königsweg» Ehemann-Vater-Vorbild umgangen und familiäre Erwartungen elegant aus dem Wind geschlagen werden können, eine attraktive sein kann. Verbunden ist der Entscheid ja auch mit dem Entscheid von sehr hoher Verfügbarkeit für die Allgemeinheit. Das schreibe ich ganz bewusst, wenn wir uns etwa ansehen, warum der Beruf des Allgemeinmediziners in Einzelposition so unattraktiv geworden ist. Ich will damit aufzeigen, dass beim bewussten Entscheid für den Pflichtzölibat höchst persönliche Gründe einerseits und institutionell begründete andrerseits zusammenkommen. (Es wäre Pflicht bei allen Gesprächen mit Weihekandidaten, dem ganz genau nachzugehen.)
b) Die «Spätzünder»
Mit den gleichen Quellengaben wie oben weise ich nun darauf hin, dass es eine rechte Gruppe junger Männer gibt, die man jenseits rein genitaler Sexualität als Spätzünder bezeichnen kann. Ihr Interesse an emotionalen und körperliche Beziehungen zu einem anderen Menschen ist in der eigentlichen Pubertät nicht so hoch, als dass es bei der Berufswahl und auch beim Ablegen des Zölibatsverprechens vom Betroffenen als klarer Hinderungsgrund erkannt werden kann. Wenn diese Männer dann aber berufstätig sind und damit mit einem eigenen Lohn und einer eigenen Wohnung in ihr Leben starten, müssen sie (meist auch in Kombination mit der erstmaligen Erfahrung längerer Einsamkeit) sich ihren Bedürfnissen stellen. Diese Aussage deckt sich mit der der Mitarbeiterin auf dem Regensamt in meiner Heimatdiözese, die mir im Gespräch sagte, dass es nicht gut für die wenigen jungen Priester sei, wenn sie allein leben, sondern dass sie in spirituellen Wohngemeinschaften zuhause sein sollten.
Dass hier nun eine Ursache auch für das Aufnehmen «unangebrachter» Beziehungen liegt, scheint mir offensichtlich. Ich verweise nur auf einen höchst prominenten Fall, den des Rücktritts des Basler Bischofs im Jahr 1995.
c) Das Ethos
Wenn wir nun a) und b) zusammen legen und in ihrer Konsequenz bedenken, befürchte ich, dass es durchaus sein kann, dass Betroffene sogar der Meinung sind, dass sie nichts Unrechtes begangen haben, wenn sie sich mit ihnen Anvertrauten auch auf eine körperlich-sexuelle Beziehung einliessen. Bei den Gesprächen mit der ZöFra musste ich sogar mitanhören, dass es Kollegen gab und gibt, die gleichzeitig mit mehreren Frauen Beziehungen unterhielten! Es braucht eben mehr als Frömmigkeit und offiziell versprochenen Kirchengehorsam, es braucht Rückgrat und ein rechtes Ethos, um eine solche Position nicht auszunutzen. Das ist es, was ich vielen der Kollegen vorwerfe. Dass für uns alle Gelegenheiten genug da gewesen wären, ist doch kein Grund, sie zu nutzen. Wir haben doch alle unseren Kant gehört und hoffentlich verinnerlicht: Behandle Deine Mitmenschen stets so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest. Und das gilt sowohl im emotionalen wie körperlich-sexuellen Umgang mit Menschen.
Darum, liebe Lesende, mein heutiger Titel: Wir sprechen hier nicht von schweren Persönlichkeitsstörungen, sondern nur von unethischem Verhalten. Und mit dem haben viele Priester anderen Menschen und damit auch der Kirche Schaden zugefügt.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant