Eschatologischer Lebensstil als christlicher Realismus

Nur auf den ersten Blick abstrakt ist das Kapitel über den «endzeitlichen Charakter der pilgernden Kirche und ihre Einheit mit der himmlischen Kirche» in Lumen Gentium, wo es etwa in der Nummer 48 heisst: «Die Kirche, zu der wir alle in Christus Jesus berufen werden und in der wir mit der Gnade Gottes die Heiligkeit erlangen, wird erst in der himmlischen Herrlichkeit vollendet werden, wenn die Zeit der allgemeinen Wiederherstellung kommt (Apg 3,21). Dann wird mit dem Menschengeschlecht auch die ganze Welt, die mit dem Menschen innigst verbunden ist und durch ihn ihrem Ziele entgegengeht, vollkommen in Christus erneuert werden (vgl. Eph 1,10; Kol 1,20; 2 Petr 3,10-13).»
In seinen Überlegungen zur Umsetzung des II. Vaticanums zeigt Weihbischof Paul Wehrle einige Aspekte der Bedeutung dieser eschatologischen Dimension der Kirche auf: «Es ist nicht der geringste Dienst der Kirche im Gespräch mit unserer Gesellschaft, in einer zunehmend computergesteuerten Welt des Machens und Planens den sog. eschatologischen Vorbehalt einzubringen. Entgegen einem Fortschritts- und Entwicklungsdenken, das das Glück dem Machen und Können des Menschen anvertraut, ist widerständig daran zu erinnern, dass ‹Leben in Fülle› nicht selbstmächtig erreicht, sondern nur als Gabe Gottes angenommen werden kann. (…)
Es macht geradezu das Kennzeichen eines christlichen Lebensstils aus, in Spannweiten leben zu können. Um die Spannweite zwischen ‹schon› und ‹noch nicht› ergangener Erfüllung zu wissen und darin auszuhalten, kann vor Resignation ebenso wie vor Phantasterei bewahren.
Für das Gespräch der Kirche mit der Welt gilt als christlicher Realismus: sich ganz im Heute engagieren – ohne sich im Heute zu verlieren! Niemand sollte uns übertreffen im Einsatz für das konkrete Wohl des Menschen und der menschlichen Gemeinschaft – und zugleich darf sich niemand (trotz vorhandener Probleme und fragmentarischer Lösungen) freier und gelassener fühlen als der Christ! Es wäre für manche Probleme in unseren Tagen eine tatsächlich nicht nur befreiende Botschaft, sondern hätte auch befreiende Wirkung, wenn wir Christen in diesem Sinn erfahren werden könnten. Es würde etwas spürbar von der Freiheit des Christseins, das sich gerade auch dadurch auszeichnet, dass es sehr verbindlich engagiert ist in der Welt und zwar auch da, wo es andere für aussichtslos halten.»
(mq; Zitat: Paul Wehrle, Kirche im Gespräch mit der Welt. Zur Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils, in: Albert Käuflein, Tobias Licht [Hg.], Wo steht die Kirche? Orientierung am Zweiten Vatikanischen Konzil und an der Gemeinsamen Synode. Karlsruhe, Braun, 1998, 29-47, 45f.).

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