In der NZZ vom 7.Januar (International S.5 ) findet sich ein ungewöhnliches Interview. Der Berlin-Korrespondent Hansjörg Müller besuchte den Dramaturgen des Theaters am Schiffbauerdamm, Bernd Stegemann, um mit ihm ein Interview zu führen. Wie bitte? Wir sind etwas irritiert, NZZ: Dies nicht für das Feuilleton in Bund 4, sondern für Bund 1? Man(n) muss und wird auch wissen, dass dieses Haus einer der Kultorte der deutschen Theaterlandschaft schlechthin ist, nachdem Bertold Brecht in den Fünfziger Jahren dort tätig war und viele seiner Stücke ihre Erstaufführung erlebten. Ich selber durfte noch im Jahr nach der Wende dort eine vorbildliche Aufführung von «Mutter Courage» mit Gisela May in der Titelrolle erleben und stellte fest, dass der altbackene Raum wirklich eine Ausstrahlung ohnegleichen hat.
Warum nun also ein Interview mit einem der Nach-Nachfolger Brechts im aussenpolitischen Teil? Da erfahren wir Spannendes: Herr Stegemann, Professor für Theatergeschichte, wird als «graue Eminenz», als «geistiger Vordenker», der Sammelbewegung «Aufstehen», mit der unter Führung von Sahra Wagenknecht die deutsche Linke wiedervereinigt werden soll, beschrieben. Es geht also um eine quasi Auferweckung des (ausserhalb der Schweiz und Grossbritanniens, könnte man meinen) de facto toten linken Politisierens.
[Einschub: Wenn man etwa Olaf Scholz oder vorher dem österreichischen Ex-Kanzler Christian Kern zuhörte, konnte man ja schon meinen, es seien männliche Klone von Angela Merkel am Auftreten. Von engagiert linkem Argumentieren und Sich-Engagieren war und ist da nichts. Selbst Herr Kühnert, der deutsche JUSO-Chef, verbreitet biedere Bürgerlichkeit; dass er schwul ist und dazu steht, ist noch das Aufregendste… Da sind wir – auch wenn wir nicht links sind – geradezu froh um Cédric Wermuth und Fabian Molina!]
Im Bund International findet sich Herr Stegemann (neues Werk: «Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik»), weil er einen seriösen Versuch unternimmt, den Terminus «Populismus», der zurzeit in aller Munde und auf allen Schreibtischtasten ist, zu definieren. So wie er es macht, ist Populismus in einem gewissen Ausmass unerlässlich. Provokativ bemerkt er darum, dass auch gutes Theater populistisch sei und so erst eine Wirkung über blossen Ästhetizismus hinaus entfaltet.
Hier seine Definition, falsch schon jetzt, denn es gibt für ihn verschiedene Populismen. Er definiert zunächst, dass Populismus eine «Wir-sie-Differenz» aufmacht (also in Täter und Opfer, in Akteure und Passive etc. einteilt), dass er für komplexe Probleme einfache Lösungen anbietet (bei allen Parteien links und rechts aussen äusserst beliebt) und dass er in Anspruch nimmt, für die «wahren Interessen» des Volkes/des Menschen/der Menschheit zu sprechen. So gibt es natürlich auch grünen Populismus, ja nach Stegemann gibt es auch liberalen Populismus, den er pikanterweise bei Angela Merkel und Robert Habeck, ihrem «Erben» (?!?), ortet. Und schliesslich: Jede Politik, die wirken will, braucht populistische Elemente.
Eine blitzgescheite Auslegung und Analyse, die uns nun rätseln lässt, wo denn die Grenzen liegen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant